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"Wanderwitz' Äußerung hat uns sehr geschadet"

Die Region Görlitz ist AfD-Hochburg. Für den CDU-Landrat Bernd Lange kommt die Entwicklung nicht überraschend. Er beklagt Fehler seiner Partei.

Der Görlitzer Landrat Bernd Lange (CDU) am Montag während einer Pressekonferenz.
Der Görlitzer Landrat Bernd Lange (CDU) am Montag während einer Pressekonferenz. © Archivfoto: Martin Schneider

Birgit Zimmermann

Im Wahlkreis Görlitz hat die AfD bei der Bundestagswahl so gut abgeschnitten wie nirgends sonst. 32,5 Prozent der Wählerinnen und Wähler gaben der Partei ihre Zweitstimme. Der langjährige Görlitzer CDU-Landrat Bernd Lange sieht Fehler seiner Partei und sorgt sich um die Zukunft der Region.

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Im Wahlkreis Görlitz haben 32,5 Prozent der Wählerinnen und Wähler für die AfD gestimmt. Wie blicken Sie auf dieses Ergebnis?

Das ist keine Geschichte, die von heute auf morgen passiert ist, sondern das ist eine Entwicklung, die sich schon lange ankündigt. Die Menschen hier sind einfach enttäuscht. Daran kann der Populismus anknüpfen.

Worüber sind die Menschen enttäuscht?

Zum Beispiel das Thema Infrastruktur. Wenn der nächste erreichbare Fernzug in Dresden oder Berlin hält, dann fühlen sich die Menschen abgehängt. Oder: Wir diskutieren seit 20 Jahren über eine Bundesstraße nach Tschechien. 90 Prozent sind für den Bau. Ein kleiner Teil verhindert sie. Da sagen die Menschen: Wie kann das sein? Wir haben doch Demokratie, wo die Mehrheit entscheidet.

Wie muss man mit dem Wahlerfolg der AfD umgehen?

Wir müssen die Ursachen herausfinden.

In der sächsischen CDU heißt es jetzt, sie müsse wieder konservativer werden. Sehen Sie das auch so?

Wir müssen die Frage stellen, wie eine AfD überhaupt da stehen kann, wo sie steht. Früher hat die CDU den konservativen Flügel besetzt, die NPD hat die Extreme abgedeckt. Jetzt ist die NPD weg - und die CDU hat in den vergangenen Jahren viele Themen verlassen, die früher wichtig waren. Die Wehrpflicht ist so ein Beispiel. Oder ein anderes Thema: Warum müssen wir in Sachsen jetzt das Schulsystem ändern und Gemeinschaftsschulen einführen?

Es gibt in der CDU Kritik am sächsischen Spitzenkandidaten zur Bundestagswahl, Marco Wanderwitz.

Was uns sehr, sehr geschadet hat, ist Wanderwitz' Äußerung zu hohen Coronazahlen in unserer Region und dem Zuspruch zur AfD. Wir haben die älteste Bevölkerung in Deutschland, die sehr empfindlich für diese Krankheit ist. Das hat nichts mit dem Wahlverhalten zu tun. Die Menschen sind stigmatisiert worden - und das auch noch vom Ostbeauftragten der Bundesregierung. Wanderwitz sollte jetzt ruhig sein und überlegen, was er da angerichtet hat.

Was bedeutet für Sie eine konservative Politik?

Wir müssen die Eigenverantwortung bei den Menschen lassen, damit sie in Freiheit entscheiden können und nur in Notfällen greift der Staat ein. Wir müssen den Menschen mehr vertrauen und weniger Verbote machen.

Was bedeutet der Wahlausgang ganz konkret für den Landkreis Görlitz?

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Wir haben jetzt in Berlin keine Stimme mehr. Ich mache mir wenig Hoffnung, dass der AfD-Direktkandidat Tino Chrupalla für die Region wirksam etwas bewegen kann. Außerdem ist das Image ein wirklich großes Problem. Wir haben Unternehmen, die großes Interesse haben, in die Region zu kommen. Mit schnellen Baugenehmigungen können wir helfen. Aber die schauen natürlich auch auf die Sozialstruktur und das Umfeld. Aber man muss auch sagen: Es haben zwar gut 30 Prozent AfD gewählt. Aber 70 Prozent eben auch nicht. (dpa)

Zur Person: Bernd Lange (65) ist seit 2008 Landrat des damals neu formierten Kreises Görlitz. Davor war der CDU-Politiker Landrat des Schlesischen Oberlausitzkreises und Bürgermeister in Rothenburg.

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