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Entsetzen über Drohungen gegen Görlitzer Impfarzt

Der Arzt wurde von Rechten als "Arzt des Todes" verunglimpft. Das geht selbst manchem Gegner der Impfung zu weit.

Hans-Christian Gottschalk hat als Kinderarzt Tausenden Kindern geholfen.
Hans-Christian Gottschalk hat als Kinderarzt Tausenden Kindern geholfen. © Rafael Sampedro/foto-sampedro.de

Nach der Landesärztekammer stellt sich auch das Städtische Klinikum Görlitz hinter den Kinderarzt Hans-Christian Gottschalk.

So melden sich Ines Hofmann, Geschäftsführerin des Klinikums, und der Medizinische Direktor Eric Hempel zu Wort: „Dass jemand auf so eine unverschämte Art und Weise angegriffen wird, der sich viele Jahrzehnte lang ganz in den Dienst der Gesundheit von tausenden Patientinnen und Patienten gestellt hat, vor allem von Kindern und Jugendlichen, macht uns fassungslos“, teilen sie mit.

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Arzt verdiene Respekt

Im Original-Beitrag auf Telegram war Hans-Christian Gottschalk kenntlich.
Im Original-Beitrag auf Telegram war Hans-Christian Gottschalk kenntlich. © Screenshot Twitter

Hans-Christian Gottschalk war viele Jahre Leiter der Kinderklinik am Görlitzer Klinikum. Heute ist er Aufsichtsratsmitglied. Gottschalk ist außerdem Mitglied der sächsischen Impfkommission und als Impfarzt im Einsatz. "Sein Engagement als Impfarzt im Impfzentrum Löbau seit Beginn dieses Jahres, ist beeindruckend und verdient außerordentlichen Respekt", so Ines Hofmann und Eric Hempel.

Auf dem Telegram-Kanal der "Freien Sachsen - Ostsachsen" war ein Beitrag mit einem Foto von Hans-Christian Gottschalk erschienen. Überschrieben war der Beitrag mit "Arzt des Todes!!!". Gottschalk wird aufgrund seiner Tätigkeit als Impfarzt an Schulen und Mitglied der Stiko als "einer der schlimmsten in dieser Zeit" bezeichnet, der "seine gerechte Strafe bekommen" solle, heißt es weiter.

Die "Freien Sachsen" wurden vom Landesamt für Verfassungsschutz als verfassungsfeindliche Bestrebung eingestuft. Nachdem ein Görlitzer den Beitrag bei Telegram bemerkt und die Sache auf Twitter öffentlich gemacht hat, verschwand der Original-Beitrag aus dem Telegram-Kanal der "Freien Sachsen-Ostsachsen".

Landesärztekammer verurteilt Angriffe

Aufmerksam gemacht worden war Gottschalk auf den Post von der Landesärztekammer. Auch sie stellt sich hinter den Görlitzer Arzt. "Es ist unfassbar, dass ausgerechnet die Menschen in der Bevölkerung, die sich durch den Staat gegängelt und unterdrückt fühlen, die behaupten, ihre Meinung nicht frei äußern zu können, zu solchen aggressiven Mitteln greifen", so Eric Bodendieck, Präsident der Landesärztekammer. "Weder Staat noch Impfanhänger, weder Wissenschaftler noch Ärzte, weder Pflegepersonal noch Polizei haben jemals zu Androhung von körperlicher Gewalt gegriffen, um für die Impfung zu werben."

Bodendieck bezieht sich dabei auch darauf, dass seit etwa zwei Wochen bei den Terminen von Schülerimpfungen meist die Polizei mit vor Ort ist. Eine Folge von Vorfällen wie dem missglückten Brandanschlag auf ein Impfzentrum im Vogtland oder auch dem Auftritt eines stadtbekannten Impfgegners im Zittauer Berufsschulzentrum bei einer Impfaktion.

Gewalt oder der Aufruf zur Gewalt dürfen in der Gesellschaft keinen Platz finden, sagt Bodendieck. "Die Landesärztekammer Sachsen verurteilt dies aufs Schärfste und wird jedes Kammermitglied hier nach Kräften unterstützen."

Görlitzer Impfgegner in der Bredouille

In den sozialen Netzwerken findet Hans-Christian Gottschalk viel Unterstützung. Aber auch Häme, Verharmlosung. Womit denn Gottschalk die Bezeichnung "Arzt des Todes" verdient habe, fragt etwa eine Facebook-Nutzerin, "das greift ja keiner aus der Luft", vermutet sie. Manchen Impfgegner dagegen bringen die Beleidigungen gegen Gottschalk in die Bredouille: In Görlitz ist er als Kinderarzt bekannt, dem viele verbunden sind. Als Spezialist der Neonatologie hat er beispielsweise auch schwer erkrankte Neugeborene behandelt.

Er habe seine Bedenken gegenüber der Impfung, nehme diese auch nicht in Anspruch schreibt etwa ein Mann aus Boxberg in einem Leserbrief an die SZ. "Ich verlange, dass meine freie Entscheidung als freier Bürger akzeptiert wird." Den Druck, der gegen ihn aufgebaut werde, empfinde er als unerträglich, schreibt der Boxberger. Andererseits: "Genauso erwarte ich aber auch, dass die Entscheidung von Mitbürgern für eine Impfung als ihre alleinige, freie Entscheidung akzeptiert wird!" Die Ärzte, die Impfungen vornehmen, seien "nicht auf der Wurstbrühe daher geschwommen, sondern haben neben dem Fachwissen sehr sorgfältig ihr Handeln ethisch-moralisch abgewogen."

"Derart mies, dass es einfach keine Worte dafür gibt"

Hans-Christian Gottschalk habe er als Chefarzt der Görlitzer Kinderklinik vor zehn Jahren kennengelernt: "In einer, für uns dramatischen Situation hat er sich über lange Zeit um uns und unser neugeborenes Enkelchen persönlich gekümmert", schildert er. "Auf Knien danke ich diesem Mann, mit seinem Fachwissen, seiner Kompetenz und menschlichen Wärme". Ihn als "Arzt des Todes" zu bezeichnen sei, "derart mies, dass es einfach keine Worte dafür gibt. Dieser Doktor hätte eine Strafe verdient? Er hat Respekt und Dankbarkeit verdient!"

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Einschüchtern lassen wolle er sich jedenfalls nicht, sagte Gottschalk gegenüber der SZ. Er wolle sich weiter bei den mobilen Impfteams engagieren. Und sich dafür einsetzen, dass nach der Schließung des Impfzentrums Löbau am Görlitzer Klinikum eine Stelle für regelmäßige Impftermine eingerichtet wird. Das sagt das Klinikum zu. Es werde sich weiterhin daran beteiligen, möglichst viele Menschen mit einer Impfung gegen einen schweren Krankheitsverlauf von Covid-19 zu schützen. Als Anlaufstelle für Menschen ohne hausärztliche Versorgung wird das Klinikum einmal wöchentlich mit dem mobilen Impfteam Impfungen anbieten.

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