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Heult leise

Punkt 11 Uhr gehen am Donnerstag die Sirenen im Kreis Görlitz an. Es ist Warntag. Doch dessen Wirkung wird überschätzt.

Auf den Dörfern ist die Sirene bis heute wichtig zur Alarmierung der Kameraden. In der Stadt ist die Lage anders.
Auf den Dörfern ist die Sirene bis heute wichtig zur Alarmierung der Kameraden. In der Stadt ist die Lage anders. © Britta Pedersen/dpa

An jedem ersten Mittwoch im Monat wird die Sirene in Hagenwerder einmal laut. 15 Uhr: Probealarm. Ertönt sie dagegen dreimal hintereinander, ist Alarm. Es brennt oder nach einem Unfall wird technische Hilfe benötigt. Die Kameraden der Freiwilligen Feuerwehr Hagenwerder haben, wie alle anderen im Landkreis auch, Pieper. Für Ortswehrleiter Rainer Göthert gehört die Sirene dennoch dazu. „Sie hat auch Bedeutung für die Bevölkerung, etwa bei Hochwasser“, erklärt er.

Die letzte Görlitzer Sirene

Mit der Hochwasserwarnung hat es auch zu tun, dass die Hagenwerdaer Sirene noch in Betrieb ist. Die letzte in Görlitz. Insgesamt gibt es im Landkreis 245 Sirenen. Aber ob sie funktionstüchtig sind, liegt bei den Kommunen, erklärt der Kreis. Und in Görlitz kann nur die in Hagenwerder laut werden. Damit wird der bundesweite Warntag hier eher leise ausfallen.

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Um 11 Uhr am Donnerstag werden alle vorhandenen Warnmittel über das Modulare Warnsystem ausgelöst. Eine per Satellit gesteuerte Technik. Das Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe übernimmt das Auslösen. Ziel des ersten Warntages ist es, die Bürger für das Thema Warnung zu sensibilisieren, Funktion und Ablauf von Warnungen besser verständlich und die Warnmittel bekannter zu machen, teilt der Kreis mit. Auch auf moderne Möglichkeiten wie in den sozialen Netzwerken über Apps und digitale Tafeln soll der Warntag aufmerksam machen. 

Unklarheit über Ablauf

Geplant war zunächst über die Sirenen das Signal „Warnung bei Gefahr“ zu senden. Das wäre ein einminütiger, sechsmal auf- und abschwellender HeultonDerzeit sieht es aber so aus, als würde der Warntag nicht überall gleich ablaufen. So schreibt das Blaulicht-Magazin, im Landkreis Bautzen solle nur ein zwölfsekündiger Probealarm ertönen. Wohl aus technischen und organisatorischen Gründen. Und auch im Kreis Görlitz wird es der Probealarm sein, bestätigt die Rettungsleitstelle Hoyerswerda. 

Warum Markersdorf die Sirenen hochhält

Viel Wert auf seine Sirenen legt Markersdorf. Jeder Ortsteil hat mindestens eine, der Großteil sogar mit Digitaltechnik ausgestattet. Eine steht direkt über Thomas Knacks Kopf auf dem Markersdorfer Rathaus. Klar erschrecke man erstmal, wenn sie losgeht. Aber Beschwerden gab’s nie. „Es ist eher so, dass die Leute nachfragen, wenn eine mal zum Probealarm am ersten Mittwoch im Monat nicht losgeht“, erzählt der Bürgermeister. Die Sirenen seien wichtig, um die Kameraden wie auch die Bevölkerung zu informieren. Auch wenn es sich nicht um Katastrophen handelt, „die Menschen wissen trotzdem: Es ist etwas passiert, die Feuerwehr ist da und arbeitet.“ 

Etwa 120 Kameraden gibt es in den sieben Ortsteilen. Auch für ihre Alarmierung seien die Sirenen wichtig. Zwar habe jeder Kamerad einen Pieper, auf den die Rettungsleitstelle den Alarm sendet. Es sei aber nicht zu verlangen, dass den jeder zu jeder Zeit am Mann hat. „Aber geht die Sirene los, dann weiß jeder Bescheid: Es geht zum Feuerwehrhaus“. Und viele der älteren, inaktiven Kameraden, die keinen Pieper haben, kommen trotzdem und helfen.

Klittener Sirenen nicht zu überhören

Aus dem selben Grund will Martin Kosubek in Klitten nicht auf die zwei Sirenen des Ortes verzichten – eine auf dem Schlauchturm der alten Feuerwehr, die andere am Jahmener Gut. Über 30 Einsätze hat die Klittener Feuerwehr pro Jahr. Wenn nachts die Sirenen losgehen, sei mancher Einwohner sicher nicht begeistert. Dennoch: „Wir sind 23 Kameraden“, erklärt Kosubek. Davon sei vielleicht die Hälfte tagsüber auf Arbeit und nicht verfügbar. Ein anderer, der daheim ist, hat den Pieper womöglich gerade an der Ladestation oder ist im Garten. „Für eine Freiwillige Feuerwehr dieser Größe ist es aber elementar wichtig, dass im Ernstfall so viele Kameraden wie nur möglich alarmiert werden können.“ Und die Sirenen überhöre man nicht. 

Görlitzer Feuerwehrchef gegen Sirenen-Comeback

"In den Städten ist die Lage sicher anders", sagt Kosubek.  Das sieht auch Uwe Restetzki so, Chef der Görlitzer Feuerwehr. Zurück zu den Sirenen? „Die Frage ist für mich, was bringe ich damit rüber“, sagt Restetzki. Rund 50 Alarme pro Jahr bekommt etwa die FFW Stadtmitte – die aber mit der Zivilbevölkerung nichts zu tun haben. Selbst wenn die Sirenen immer nur im Katastrophenfall angingen, "müsste sichergestellt sein, dass sie auch wirklich jeden erreichen. Wie viele bräuchten wir dafür in Görlitz", fragt Restetzki. 50? 100? „Diese Flächendeckung hatten wir auch zu DDR-Zeiten nicht.“

Die allermeisten Görlitzer Sirenen wurden Anfang der 1990er Jahre außer Betrieb genommen, erzählt er. Einige gingen in Privatbesitz über. Die neuen Besitzer hätten später versucht, sie teuer zurück an die Stadt zu verkaufen, „wir hatten zu der Zeit aber schon das Funksystem eingeführt“.

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Flächendeckend wieder Sirenen einzuführen, wäre ein Aufwand, auch finanziell, der aber nicht unbedingt mehr Sicherheit verspreche, erklärt Restetzki. „Nehmen wir ein Neißehochwasser an." Dann werden Anwohner nahe der Neiße derzeit telefonisch gewarnt. "Ist die Gefahrenwarnung zu hören – dann müssten auch alle etwas damit anfangen können.“ Jeder müsste wissen, dass er das Radio anschalten soll, die Sender müssten informiert sein und die Warnung bringen. „Und wenn vom Hochwasser noch nichts zu sehen ist, würden sich wirklich alle informieren?“ 

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