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Wir müssen mit Hitze und Dürre leben lernen

Wenn Hitzewellen und Starkregen, wenn Dürre und Flut nun öfter kommen, muss die Klimafrage neu diskutiert werden und das ganz anders als bisher. Dafür braucht es aber mehr Beachtung und Geld.

Von Stephan Schön
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SZ-Redakteur Stephan Schön
SZ-Redakteur Stephan Schön © Luca Bruno/AP/dpa (Symbolbild)

Endlich mal Regen. Wenn Bäume tanzen könnten und Wiesen singen, es wäre ein Festival landesweit. Überall in Sachsen hat Regen dem Trockenstress ein Ende gesetzt – aber halbwegs nur und kurzzeitig. Die Elbe war vor einer Woche nur noch ein Rinnsal, sie hat es am Donnerstag binnen eines Tages mit dem Regen in Tschechien auf ein volles Flussbett geschafft. Wo wochenlang kein Tropfen aus dem Himmel fiel, schüttete es im Laufe dieser Woche mancherorts in Sachsen 20 Liter je Quadratmeter in nur einer Stunde.

Das Wasser kam, das Wasser ging. Nur im Boden ist es nicht geblieben. Es war immer noch zu wenig, viel zu wenig, um den Durst des Erdreichs zu stillen. Was in Sachsen nötig wäre, ist eine Regenzeit, die so viel Wasser bringt, wie in der Summe sonst ein halbes Jahr. In Sachsens Untergrund herrscht eine Dürre wie seit 100 Jahren nicht. An 84 Prozent der 427 Messstellen in Sachsen fehlt Grundwasser. Im Durchschnitt mit einem Minus von 38 Zentimetern Pegelhöhe.

Wenig Regen, viel Sonne, also hohe Verdunstung treiben das Wasser aus dem Boden. Mit den bekannten Folgen für Wiesen und Wälder, für Flüsse und Seen. Häufigere und heftigere Waldbrände wie in diesem Frühjahr sind eine Folge. Seit 2018 war es regelmäßig zu warm, zu trocken, zu sonnenreich. Das halbwegs normale Jahr 2021 gleicht da gar nichts aus. Ebenso wenig, wie die paar Tropfen von dieser Woche. Der eben zu Ende gegangene Juni brachte eine Hitzewelle, wie selten um diese Zeit mit neuen Temperaturrekorden. Sachsen ist inzwischen dort angekommen, wo die regionalen Klimamodelle das Land eigentlich erst in der Mitte des Jahrhunderts erwartet hätten.

Der Klimawandel ist in Sachsen angekommen

Alles kam viel schneller, viel heftiger. Sachsen ist eine der Regionen in Deutschland, die sich bisher mit am stärksten erwärmt hat. Mehr noch, der Freistaat ist ebenso wie Brandenburg von der Dürre am meisten betroffen. Änderung zum Besseren ist nicht in Sicht.

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Eine Wärmeperiode wie die seit 2018 ist für Sachsen ein mehr als ein 150-jähriges Ereignis. Also im Prinzip neu, seit Messbeginn. Ist dies schon der Klimawandel oder doch nur ein Ausrutscher der Natur? Lange war genau dies strittig. Seit dieser Woche ist das anders. Wissenschaftler aus Oxford und London haben weltweit Daten gesammelt. Ihr klares Ergebnis lautet dabei: Die Zunahme von Hitzewellen lässt sich eindeutig, und das weltweit, auf den Klimawandel zurückführen. Gleichzeitig würde aber das Ausmaß der Hitzefolgen von Regierungen, Ökonomen und Versicherern unterschätzt, heißt es im Fachmagazin "Environmental Research Climate".

Hitze tötet, ohne dass dies auffällt. Deutscher Wetterdienst, Umweltbundesamt und Robert-Koch-Institut haben am Freitag erstmals eine Studie zu den Hitzetoten in Deutschland in den Jahren 2018 bis 2020 veröffentlicht. 8.700 gab es demnach 2018. 6.900 Hitzeopfer im Jahr darauf und 2020 schließlich 3.700. Die Zahl der Todesopfer ist gesunken.

Regierungen, Behörden, Krankenhäuser haben aus der Klimakrise gelernt. Die nötige Aufmerksamkeit hat die Hitze inzwischen. Die nötigen Mittel, wirklich unmittelbar etwas dagegen zu tun, sind aber begrenzt. Ausreichend klimatisierte Räume schaffen und notfalls Sportstätten zu klimatisierten Aufenthaltsorten umfunktionieren – das allein wird nicht reichen.

Schneller und heftiger als erwartet

Der Klimawandel ist in Sachsen angekommen. Schneller und härter als erwartet. Er ist die Folge der globalen Erwärmung, ausgelöst durch den jahrzehntelangen CO2-Ausstoß. Diesen bis 2035 auf Null zu bringen, wie es ein Bürgerbegehren jetzt für Dresden fordert, ist wünschenswert, aber unrealistisch. Das allein wird uns nicht retten vor dem, was da kommt. Viel zu lange, viel zu stark ging die Diskussion fast ausschließlich um CO2-Vermeidung und den Klimawandel an sich. Die Realität zwingt uns indes eine Klimaanpassung auf, wie sie in diesem Maße nicht erwartet wurde.

Es geht darum, die Gesundheit der Menschen zu schützen, die Städte lebenswert zu machen, die Wälder zu bewahren und die Flüsse zu erhalten. Neue Talsperren und Speicher sind dafür nötig und der grüne Umbau der zubetonierten Innenstädte. Ja, grüne Städte mit Wäldchen als Kälteinsel kosten Geld, vor allem die Pflege der Grünanlagen. Verschattungen an den einst errichteten Glaspalästen wären sinnvoll. Die Dörfer brauchen neue Trinkwassersysteme, bevor dort die Brunnen versiegen.

Felder mit schützendem Bewuchs könnten Schlammlawinen aufhalten. Die Landwirtschaft benötigt neue, intelligente Bewässerungssysteme mit geringem Wasserbedarf. Die Liste ist lang, sie wird länger. Ideen dafür wurden jedoch vor Jahren schon entwickelt unter anderem von Dresdner Forschern am Institut für ökologische Raumentwicklung. Es waren unbequeme, weil zu teure Vorschläge. So wurde vieles davon bisher ignoriert. Die Klimaanpassung, also der Schutz vor den Folgen der Extremwetter, bekommt nun aber einen ganz neuen Stellenwert.

Ehrgeizige Klimaziele sind zwar wichtig, der Fokus allein darauf reicht jedoch nicht und blendet die realen, schon bestehenden Gefahren aus. Die Gelder fürs Klima müssen neu verteilt werden. Wir müssen eben nicht nur das Klima retten. Wir müssen jetzt und hier mit Hitze und Dürre leben lernen.

E-Mail an Stephan Schön