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Elb-Dampfer: Leben hinterm Steuerrad

Kapitän Holger Rolle hat bei der Weißen Flotte gelernt, kennt die Elbe, Stürme und Notbremsungen. Die "Dampfschiffahrt" geht nicht unter - daran glaubt er fest.

Eine Fahrt auf dem Dampfer Dresden. Kapitän Holger Rolle
Foto: Marion Doering
Eine Fahrt auf dem Dampfer Dresden. Kapitän Holger Rolle Foto: Marion Doering © Marion Doering

Dresden. Ein Sommertag wie ihn Dresden in diesem Jahr noch nicht erlebt hat: Beim Stehen am Kai schwitzen die Leute. Fächeln sich Luft zu, schon morgens um zehn. Erwartungsvoll gehen sie an Bord, freuen sich auf den Fahrtwind und die bevorstehenden Stunden besonderer Normalität. Erst seit Pfingsten fahren die Schiffe der Sächsischen Dampfschiffahrt wieder.

Die "Dresden" ankert am Terrassenufer. Von dort aus bricht sie gleich nach Pillnitz auf. Kapitän Holger Rolle schaut über die Elbe: Perfekter Wasserstand. Er sieht zum Deck mit vielen leeren Plätzen - ein Jammer. "Gerade jetzt passt alles, und wir dürfen wegen Corona nur halbe Last fahren", sagt der 48-Jährige. Auf jedem zweiten Tisch klebt ein Zettel mit dem Hinweis, dass er frei bleiben muss. Maximal die Hälfte der üblichen Passagierzahl ist erlaubt.

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Gerade jetzt bräuchte die Sächsische Dampfschiffahrt volle Schiffe. Nur von Frühjahr bis Herbst dauert die Saison der neun Schaufelraddampfer und zwei Salonschiffe. Seit einigen Jahren kämpft das Unternehmen mit Niedrigwasser. "Das gab es zwar schon immer, genau so wie Hochwasser", sagt Holger Rolle, "Aber dass es so oft vorkommt und sehr lange dauert, das ist neu."

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"Es musste ja alles weg, was nach DDR klang"

Vor 32 Jahren hat der Dresdner bei der Weißen Flotte angeheuert. Als Lehrling. Matrose der Binnenschifffahrt wollte er werden. "Ich war schon als Schüler bei der GST Seesport, das hat mir gefallen." Die Abkürzung steht für Gesellschaft für Sport und Technik. Dass das eine vormilitärische Organisation war, interessierte kaum einen Jugendlichen. Abenteuer interessierten und die Möglichkeit, sich im Sportschießen, Motorsport, Tauchen, Segeln und Funken auszuprobieren.

Zwei Jahre dauerte die Ausbildung. Schon als Lehrling stand Rolle hinterm Steuerrad. Das Ziel: Bootsmann und später Schiffsführer werden. Die Wende war gerade vorbei, und er wurde als Mitarbeiter übernommen. "Aber es waren sehr ungewisse Zeiten", erinnert sich der Kapitän. Aus der Weißen Flotte wurde die Sächsische Dampfschiffahrt, und das war nicht die einzige Änderung. Dass immer noch so viele Dresdner den früheren Namen verwenden, wenn sie von ihren Dampfern sprechen, gefällt Holger Rolle. "Von mir aus hätte man das Unternehmen nicht umbenennen müssen. Aber damals musste ja alles weg, was nach DDR klang."

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Sogar er selbst ging weg, nur für zwei Jahre, doch lange genug, um zu wissen: An der Flotte hängt mein Herz. Auf der Elbe brachte er als Kapitän des Flusskreuzfahrtschiffes "Theodor Fontane" Urlauber stromauf und stromab. Er will das nicht missen. "Als ich aber wieder bei meinem alten Betrieb anfangen durfte, war ich sehr froh", gesteht er.

Und das, obwohl er als Schiffsführer auch hier im Sommer kaum einen Tag frei und keinen Urlaub hat. "Wir fahren die Saison nahezu durch und feiern die überschüssigen Stunden dann im Winterhalbjahr ab." Nur zu Hause auf der Couch sitzt er dann aber auch nicht. Liegen die Schiffe zum Check und für Reparaturen in der Werft, packt auch Holger Rolle mit an. "Dann tauschen wir das Hemd gegen die Latzhose. Überhaupt versuchen wir anzupacken, wo es nötig ist und bauen selbst, was möglich ist."

Mit rund 6,7 Kilometern pro Stunde geht es bergwärts, wie der Schiffer sagt. Gegen den Strom dauert die Fahrt viel länger, als "talwärts" mit der Strömung. Da sind gut 20 Stundenkilometer drin. Langsam rückt die Waldschlösschenbrücke näher. Hat der Kapitän eine Lieblingsstrecke? "Eigentlich bin ich heute nur eingesprungen und normalerweise auf dem Personendampfer Wehlen unterwegs. Deren Strecken sind herrlich", sagt er. "Aber jede Tour ist schön. Schauen Sie sich doch um!" Die "Dresden" tuckert unter dem Stahl-Beton-Bau hindurch. Freie Sicht auf grüne Uferlandschaft.

Bergwärts unterwegs: Schiffsführer Holger Rolle (r.) mit seinem Kollegen Philipp Hammer auf dem Personendampfer "Dresden". Wendemanöver leitet der Kapitän außerhalb des Führerstandes.
Bergwärts unterwegs: Schiffsführer Holger Rolle (r.) mit seinem Kollegen Philipp Hammer auf dem Personendampfer "Dresden". Wendemanöver leitet der Kapitän außerhalb des Führerstandes. © Archiv/Marion Doering

Solch einen Traumjob will niemand verlieren. Und doch muss auch Holger Rolle bangen, wenn er den jüngsten Berichten von der Insolvenz seines Arbeitgebers glaubt. Aus der Ruhe bringt ihn trotzdem nichts: "Die Dampfschifffahrt geht nicht unter", sagt er. So viele schwere Zeiten hat sie schon erlebt, von der Treuhand bis Corona und dessen Folgen. Eine Zäsur war für Rolle der Supersommer 2018. Probleme mit dem Pegel hatte es bis dahin immer mal wieder gegeben. Nun bleibt der Wasserstand oft tage- oder wochenlang zu flach. Dann liegen die Schiffe am Ufer oder dürfen nur mit dezimierter Gästezahl fahren, wie jetzt. 

"Beinahe ein Segelboot untergepflügt"

Es nützt nichts, auf die Natur zu schimpfen, meint Rolle. Vom Bau von zusätzlichen Staustufen hält er nichts. "Man sollte die Schiffe dem Fluss anpassen und nicht umgekehrt." Aber wie? "Die Dampfer sind inzwischen zu schwer und haben deshalb zu viel Tiefgang." Zu DDR-Zeiten seien sie deutlich leichter gewesen. Doch dann wurden massivere Materialen verarbeitet, Holz und Eisen statt Kunststoff und Alu. Holger Rolle zeigt über sein Steuerrad auf den vorderen Teil des Dampfers: "Das Verdeck dort war früher aus Plane. Heute besteht es aus festem Material." Sicher ließe sich vieles ändern und sähe trotzdem gut aus. Das kostet. "Man könnte das ja Stück für Stück machen. Aber anfangen muss man irgendwann."

Der Anleger Pillnitz kommt in Sicht. Will der Kapitän die Fahrt des Schiffes bremsen, wenden oder stoppen, gibt er über ein Signal dem Maschinisten im Schiffsbauch Bescheid. Der bremst jetzt langsam den Antrieb. So entspannt wie an diesem Ausflugstag ist das Prozedere nicht immer. "Einmal hätten wir beinahe ein Segelboot untergepflügt", erzählt Rolle. Eine ganze Menge Segler seien im damals entgegengekommen, als urplötzlich einer von ihnen die Fahrrinne kreuzte. 

Noch heute ist Holger Rolle froh, das nichts Schlimmes passierte. Zum Glück stand der Maschinist direkt am Bremshebel und musste nicht erst hinlaufen, als ihn von oben der Ruf erreichte. "Maschinist und Schiffsführer sollten ein eingespieltes Team sein", sagt Rolle. Übrigens nicht nur bei Notbremsungen. Viel wert war das gute Miteinander auch, als eine Dixilandfahrt zur Sturmprobe wurde. "Da sind die schweren Biergläser im Schwung über die Reling geflogen. Wir hatten keine Scherben an Bord." Rolle stellte das Schiff gegen die Böhen. "Es sah aus, als ob wir aufs Ufer zusteuern."

Üben kann solche Situationen kein Schiffsführer. Sie überraschen ihn meist aus heiterem Himmel. Rund 30 Jahre lang fährt Holger Rolle die Elbe auf und ab. Hier will er bleiben und Recht behalten: Die Flotte nimmt wieder Fahrt auf. 


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