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So lief Kretschmers Runder Corona-Tisch

Experten und Bürger waren zu einem Gespräch über die Folgen der Corona-Krise eingeladen – darunter auch solche, die gegen die Maßnahmen protestieren.

Ministerpräsident Michael Kretschmer beim Runden Corona-Tisch in der Staatskanzlei.
Ministerpräsident Michael Kretschmer beim Runden Corona-Tisch in der Staatskanzlei. © dpa-Zentralbild

Es sollte eine offene Diskussion werden, am Ende blieb es eher ein Meinungsaustausch. CDU-Ministerpräsident Michael Kretschmer hatte am Donnerstagabend zu einem Runden Tisch in die Staatskanzlei geladen. Ab 18 Uhr ging es in zwanzigköpfiger Runde um persönliche und sehr unterschiedliche Erfahrungen und Probleme während der Corona-Krise.

Die Auswahl der Gäste sollte die Gesellschaft möglichst breit abdecken - von der Elftklässlerin bis zum Rentner, die Berufe von der Pflegerin bis zum Busunternehmer, von der Bürgermeisterin bis zur Kitaleiterin.

Mit Sozialministerin Petra Köpping (SPD) und Justizministerin Katja Meier (Grüne) saßen auch die anderen Regierungsparteien mit am Tisch, die mit der CDU über Maßnahmen zur Bekämpfung des Corona-Virus entschieden haben.

Theologe und SPD-Abgeordneter Frank Richter moderierte die Runde, die sich am Ende vor allem austauscht und nur kurz diskutiert.

Corona-Diskussion: Schon die Vorstellungsrunde dauerte länger als geplant

Immer wieder mahnte Richter die 20 Teilnehmenden, sich kurz zu fassen, Erfolg hatte er damit nur teilweise. Die gesamte Veranstaltung war auf zwei Stunden angesetzt. Tatsächlich dauerte so lang fast schon die Vorstellungsrunde, bei der alle Teilnehmenden erzählten, was sie in den vergangenen Monaten der Krise bewegt hat und, was sie sich für die kommenden wünschen.

Expertinnen und Vertreter mit verschiedenen Perspektiven auf die Pandemie befanden sich ebenso unter den Teilnehmenden wie Bürgerinnen und Bürger, die wegen ihrer persönlichen Erfahrung oder wegen ihres Protests geladen wurden.

Der Leiter der Chemnitzer Infektions- und Tropenklinik eben wie eine Pirnaer Goldschmiedin, die einen Offenen Brief gegen die gewalttätigen Anti-Corona-Demonstranten in der Pirnaer Innenstadt mit unterschrieb.

Andreas Weigel sprach über seine Corona-Erkrankung

Einen emotionalen Höhepunkt erreichte die Runde schon kurz nach Beginn, als der einstige SPD-Abgeordnete Andreas Weigel von seiner Corona-Erkrankung erzählte. Nach anfangs leichten Symptomen sei „alles ganz schnell“ gegangen. Drei Stunden, nachdem er sich selbst in ein Krankenhaus eingewiesen habe, versetzten Mediziner Weigel in künstliches Koma. Nach rund drei Wochen wachte er in einem hessischen Uniklinikum auf.

„Die massive Atemnot, die immer wieder zu Erstickungserscheinungen führte“, sagte Weigel, „das macht was mit einem.“ Zwei Mal habe man ihn am Hals operieren müssen, an den Folgen leide er noch immer. „Ich habe fünf Wochen lang niemanden gesehen, den ich kannte.“ Während er noch Krankenhaus liegt, verstirbt sein Vater. Einen Abschied, wie er sich ihn gewünscht hätte, gibt es wegen der Infektionsgefahr nicht.

Auch andere Teilnehmende erzählten von persönlichen Schicksalen, von Existenzängsten und einem Ritt entlang der Belastungsgrenze, seit Schulen und Kitas, Restaurants und Hotels geschlossen haben, seit Menschen nicht mehr in der Kirche, bei Kulturveranstaltungen oder anderen Treffpunkten zusammenkommen konnten.

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Der Auer Gastronom und Hotelier Benjamin Unger und der Werdauer Busreise-Unternehmer Jens Hühn erzählten von Existenzängsten, die sie während der Krise umgetrieben hätten. Wegen fehlender Buchungen, fehlender Gäste, teils fehlender Hilfs-Zahlungen, weil manche Unternehmen durch das Raster gefallen sei, man in Krediten keine Lösung, sondern nur eine Verlagerung des Problems gesehen hätte. „Wir mussten unsere eigene Lobby gründen“, sagte Unger.

Anne Pallas, Geschäftsführerin vom Landesverband Soziokultur Sachsen,berichtete vor allem von persönlichen Problemen, die durch die Kombination aus Homeoffice und Kinderbetreuung für sie und ihren Ehemann entstanden seien. „Hätte das einen Tag länger gedauert, wären wir, glaube ich, beide tot umgefallen.“ Die erste Phase der Krise habe noch eine „Welle der Solidarität“ die Krise geprägt, danach sei eine zweite Phase „der Wirtschaftskrise und des Wettbewerbs um Gelder und Schutzmaßnahmen“.

Susanne Köhler, Vorsitzende des Landesfrauenrats, machte auf die Probleme mit häuslicher Gewalt während der Corona-Krise aufmerksam. Juristischer Gewaltschutz sei durch das Herunterfahren der Gerichte zwischenzeitig weggefallen, gerade in größeren Schutzhäusern mit geteilten Küchen oder Bädern sei es sehr schwierig gewesen, Infektionsschutz zu gewähren.

Kita-Leiterin Katrin Gemeinhardt aus dem Vogtland sagte, dass die noch nie so häufig mit ratlosem Schulterzucken auf Fragen hätte reagieren müssen wie in der vergangenen Zeit. Viele Fragen wie nach dem Ausgleich für ausgefallene Arbeitsstunden von Erzieherinnen und Erziehern müssten nun beantwortet werden.

Landesschülersprecherin Johanna Kesika erzählte von der schnell verflogenen Freude über die freie Zeit, die schnell Sorgen um den Abschluss gewichen sei.

Während einige Gäste Lob oder zumindest Verständnis für die Regierung äußerten, waren auch zwei Vertreter der Protestbewegung unter den Gästen. Der Dresdner Holzgestalter Michael Grasemann von den Demonstrationen im Großen Garten etwa beklagte, dass man mit Impfungen einen Eingriff in das menschliche Erbgut vornehmen wolle. Ministerpräsident Kretschmer hatte die Proteste kürzlich ohne Abstand einzuhalten und ohne Maske besucht.

Mehr Austausch als Debatte

Widerworte gab es während der gesamten ersten Runde nicht, man hatte sich darauf verständigt, dass alle Anwesenden zunächst einige Minuten zum Reden hätten. Am Ende der Runde übte Ministerpräsident Michael Kretschmer sich in ausgleichenden Worten und widersprach manchen Vorwürfen, etwa, dass man sich nur von zwei Virologen beraten ließe oder dass Medien politikhörig seien.

„Uns hat das Herz geblutet in dem Moment, wo wir hier alles angehalten haben.“ Es sei aber die Aufgabe der Regierung, ein politisches Klima zu schaffen, wo alle verschiedenen Perspektiven vorkommen. „Wenn wir vernünftig sind, werden wir diese schwierigen zehn Monate, die noch vor uns sind, überstehen.“

Justizministerin Katja Meier (Grüne) sagte, dass sie darauf hoffe, dass die Gesellschaft nach der Krise nicht nur eine andere, sondern auch eine bessere sein könnte. Moderator Frank Richter fasste einige Stichworte zusammen, die er sich während des Gesprächs aufgeschrieben habe: Schock, Existenznot und Einsamkeit, Solidarität, aber auch Wettbewerb, Frustration, tiefer Vertrauensverlust in die Politik, die Sehnsucht nach Lockerung. Manche Formulierungen hätten ihn hart getroffen.

Trotz Überschreitung der zeitlichen Begrenzung leitete Richter eine zweite Runde ein, in der einzelne Diskutanten direkt aufeinander reagierten. „Ich bin im Grundsatz zu jedem Gespräch bereit“, bekräftigte Kretschmer mehrfach.

Protestierer Grasemann, der spürbar mehr Redezeit als die meisten anderen für sich beanspruchte, zeigte sich am Ende trotzdem unzufrieden, wurde lauter als andere und beschwerte sich.

Für seine Gespräche mit den Protesten aus dem Großen Garten wurde Kretschmer schon mehrfach kritisiert, man warf ihm vor, sich mit unbelehrbaren Verschwörungstheoretikern zu unterhalten, die teilweise gemeinsam mit Rechtsextremisten auf die Straße gehen würden.

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Kretschmer verteidigte seine Gespräche immer wieder als konsequentes Zugehen auf Bürgerinnen und Bürger. Das Fazit des Runden Tisches: die Probleme nach Corona dürfte Sachsen länger als die Pandemie selbst begleiten. Zumindest auf eine mögliche zweite Welle im Spätherbst, sagte Gesundheitsministerin Köpping gegen Ende des Abends, sei man gut vorbereitet.

Der Runde Corona-Tisch zum Nachsehen als Stream:

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