Dresden
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Dresdner Jahrestag der Zerstörung: Gedenken zum 13. Februar in angespannter Zeit

Weiße Rosen und die Menschenkette: Bis zum frühen Abend gedachten am Montag Tausende Dresdner der Zerstörung der Stadt im Zweiten Weltkrieg. Und Krieg ist in diesem Jahr beunruhigend nahe.

Von Dominique Bielmeier & Sandro Pohl-Rahrisch & Alexander Schneider & Christoph Springer & Dirk Hein & Moritz Schloms
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"Wir sind heute hier, um eine wehrhafte Kette zu schließen": Demonstranten am Abend vor der Semperoper. 10.000 Dresdner hatten sich eingefunden, um an die Bombardierung der Stadt zu erinnern.
"Wir sind heute hier, um eine wehrhafte Kette zu schließen": Demonstranten am Abend vor der Semperoper. 10.000 Dresdner hatten sich eingefunden, um an die Bombardierung der Stadt zu erinnern. © Sven Ellger

Dresden. Es ist knapper als sonst, aber es reicht: Als gegen 18 Uhr die Glocken läuten, ist für einen Moment nicht klar, ob sich im ersten Jahr ohne Corona die Tradition der Menschenkette wieder aufnehmen lässt. Dann schließt sich das Band.

Dresden verknüpft das Gedenken an die Zerstörung in diesem Jahr mit einer besonders aktuellen Friedensbotschaft. Laut Oberbürgermeister Dirk Hilbert (FDP) geht es darum, angesichts des Krieges in der Ukraine als Gemeinschaft zusammenzustehen und ein deutliches Signal zu setzen. So hatte Hilbert es bereits im Aufruf zur Menschenkette formuliert. Diese wird sich gegen 18 Uhr symbolisch rund um die Innenstadt schließen. Auf dem Neumarkt versammeln sich gegen 17.30 Uhr erste Menschen. Neben ukrainischen Flaggen weht auch die Fahne Russlands.

Auf einer Sandfläche vor der Frauenkirche stehen Lichter, später am Abend sollen es viele hundert Kerzen werden, die zusammen ein riesiges Licht bilden und damit eine Friedensbotschaft in die Welt senden.

Der Weg in die Trümmer

Auf der Bühne vor der Frauenkirche spricht unterdessen Oberbürgermeister Dirk Hilbert den nun seit fast einem Jahr andauernden Angriffskrieg Russlands auf die Ukraine direkt an: Über Jahre habe man Krieg als etwas gekannt, was schrecklich, aber weit weg sei. "Das ist nun anders. Wenn ich aus meinem Büro im Rathaus nach draußen schaue, blicke ich auf eine blau-gelbe Flagge. Ich habe Menschen kennengelernt, die Hals über Kopf vor Bomben und Raketen aus Städten und Dörfern fliehen mussten, die nur neun Stunden Autofahrt von Dresden entfernt liegen."

Am 13. Februar müsse man klar benennen, wie "Nationalismus, Imperialismus und Größenwahn enden: in Trümmern." Gleichzeitig sagt Hilbert: "Auch der Aggressor braucht irgendwann jemanden, der zur Versöhnung bereit ist." Es sei kein Widerspruch, sich klar und konsequent gegen Unrecht zu stellen und gleichzeitig bereit zur Versöhnung zu sein. Aus der Menge kommen derweil vereinzelte Rufe: "Heuchler" und "Kriegstreiber". Hilbert reagiert: Man sehe, welch hohes Gut Meinungsfreiheit bei uns sei.

Stilles Gedenken in der Menschenkette: Oberbürgermeister Dirk Hilbert (3. v. r.) mit TU-Rektorin Ursula Staudinger (Mitte) und Wirtschaftsminister Martin Dulig (5. v. r.). Ganz rechts: Landtagspräsident Matthias Rößler.
Stilles Gedenken in der Menschenkette: Oberbürgermeister Dirk Hilbert (3. v. r.) mit TU-Rektorin Ursula Staudinger (Mitte) und Wirtschaftsminister Martin Dulig (5. v. r.). Ganz rechts: Landtagspräsident Matthias Rößler. © Sven Ellger

Neben Hilbert spricht auch die Rektorin der TU Dresden, Ursula Staudinger: "Wir sind heute hier, um eine wehrhafte Kette zu schließen." Es gehe darum, die freiheitliche Grundordnung zu schützen. "Unsere Demokratie ist keine gesicherte Staatsform." Gegen 17.50 Uhr schließt sich dann allmählich die Menschenkette, große Lücken bilden sich um diese Zeit jedoch noch am Königsufer und auf der Carolabrücke.

Wenig später reihen sich dann doch Tausende Dresdner aneinander, bilden die berühmte, aber mittlerweile auch umstrittenen Menschenkette – laut Beobachtern vor Ort reihen sich erneut auch Querdenker und Rechtsextreme mit ein. Das Rathaus spricht in einer ersten Meldung dennoch von einem Erfolg. Etwa 10.000 Menschen hätten geholfen, das Band um die Innenstadt zu schließen.

Friedenstaube und Reichsadler

Das Gedenken der Bombenangriffe vom 13. und 14. Februar 1945 hatte am Morgen mit Blumen, Kerzen und Schweigen begonnen. Auf dem Nordfriedhof wurde ab etwa 9.30 Uhr mit Kränzen der Toten der Luftangriffe gedacht. Mit dabei waren Vertreterinnen und Vertreter des Landtages, der Staatsregierung, der Bundeswehr und der Polizei sowie Repräsentanten der Stadt. Am Vormittag legte Hilbert gemeinsam mit Abordnungen von Dresdens Partnerstädten Coventry und Ostrava an einem Denkmal auf dem Heidefriedhof weiße Rosen an der Bronzeskulptur "Trauerndes Mädchen" nieder.

Die englische Stadt Coventry war bereits im November 1940 bei Angriffen der deutschen Luftwaffe bombardiert worden. Justus Ulbricht vom Verein "Denk Mal Fort" sprach die ideologisch verzerrten Perspektiven zum Gedenken an, die es bis heute zu Dresden gebe. So verzehnfachten die einen die tatsächlichen Opferzahlen, die anderen bezichtigten Dresden als reine "Täterstadt".

Es ist schon früher Nachmittag, als der umstrittene Komiker Uwe Steimle an diesem Gedenktag etwa 600 Anhänger auf dem Vorplatz des Kulturpalastes zusammenbringt. Er hat dort eine Kundgebung namens "Frieden gemeinsam gestalten" angemeldet. Die Wilsdruffer Straße wird zwischenzeitlich gesperrt, weil der Platz für die Versammlung nicht mehr ausreicht. Teilnehmer schwenken blaue Fähnchen mit Friedenstauben, die Steimle vorher verteilt hat, und singen im Chor das Lied "Kleine weiße Friedenstaube". Immer wieder rufen sie auch "Uwe, Uwe".

Mitten im Geschehen setzt ein großes weißes Banner Joseph Goebbels mit Robert Habeck gleich, auf einer offensichtlich mitgebrachten Flagge ist ein Reichsadler zu sehen, darunter der Schriftzug "Meine Gedanken sind frei". Flyer, die verteilt werden, erklären, die Bundesinnenministerin Nancy Faeser fördere illegale Einwanderung.

"Kleine weiße Friedenstaube": Demonstranten vorm Kulturpalast mit Kabarettist Uwe Steimle.
"Kleine weiße Friedenstaube": Demonstranten vorm Kulturpalast mit Kabarettist Uwe Steimle. © Foto: SZ/Veit Hengst

In Sichtweite gibt es Protest, die Gegendemonstration "Der Jammerossi nervt" ist jedoch weniger stark wahrnehmbar. Steimle selbst verschwindet unterdessen und lässt viele Teilnehmer ratlos zurück. Ein Polizeisprecher erklärt, der Kabarettist habe die Demo selbst beendet, weil sie zu groß geworden sei und er keine Technik gehabt habe, die Leute zu erreichen.

Noch aufgeladener wird es schließlich am Abend. Der Demonstrationszug der "Montagsspaziergänger" - rund 600 Menschen - bringt in der Dunkelheit zwei Gegendemonstrationen auf die Straße, die sich irgendwann vereinen zu bis zu 2.000 Menschen. Vor allem am Pirnaischen Platz kommt es zu Sitzblockaden und verbalen Auseinandersetzungen. Zwischendurch greift die Polizei ein. Sie spricht von einer dynamischen Lage. Augenzeugen berichten vom zwischenzeitlichen Einsatz von Gummiknüppeln gegen Gegendemonstranten.

Die Polizei selbst spricht davon, dass "die Beamten an verschiedenen Stellen unmittelbaren Zwang anwenden" mussten, um die Lager getrennt zu halten. Es seien fünf Ermittlungsverfahren, unter anderem wegen gefährlicher gefährlicher Körperverletzung, Verstößen gegen das Versammlungsgesetzes sowie Sachbeschädigung eingeleitet worden. Insgesamt waren 1.200 Polizisten aus Sachsen, Niedersachsen, Nordrhein-Westfalen, Thüringen sowie der Bundespolizei im Einsatz.

So geht ein weitgehend friedlicher Tag aufgeregt zu Ende. Um 21.45 Uhr beginnen die Kirchenglocken erneut zu klingen. Es ist der Moment, in dem vor 78 Jahren die Hölle beginnt.