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Wie heil ist Dresdens Kleingarten-Welt wirklich?

Bei der traditionellen Prämierung der schönsten Anlage der Stadt feiern sich die Kleingärtner am Wochenende selbst. Doch am Rande gibt es auch Misstöne.

Oberbürgermeister Dirk Hilbert überreichte den Wanderpokal "Flora" an Klaus-Dieter Hansel vom Kleingartenverein „Am Geberbach“.
Oberbürgermeister Dirk Hilbert überreichte den Wanderpokal "Flora" an Klaus-Dieter Hansel vom Kleingartenverein „Am Geberbach“. © René Meinig

Dresden. So viele lächelnde Gesichter auf einen Haufen hat man lange nicht mehr gesehen. Bei Backfisch, Schnitzel und einem kleinen Bier sitzen die Gartenfreunde am Sonnabend im Vereinslokal "Am Waldrand" beisammen, reden über die richtigen Gießtechniken und die jüngste Nacktschnecken-Invasion.

Um diese Zusammenkunft einiger Dutzend Gäste für die Prämierung von Dresdens schönster Kleingartenanlage möglich zu machen, hat der Stadtverband "Dresdner Gartenfreunde" sogar eigens ein mobiles Schnelltest-Team engagiert. Alles, damit die Kleingärtner endlich wieder ihre Gemeinschaft fühlen und sich selbst feiern können. Es ist bereits die 16. Auflage des Wettbewerbs.

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Mit 360 Kleingärtnervereinen und weit über 20.000 Parzellen ist Dresden eine der Kleingartenhauptstädte Deutschlands - und stolz darauf. Oberbürgermeister Dirk Hilbert (FDP), der die Preise übergab, sprach überschwänglich vom "schönsten Tag des Jahres", wenn er durch die Anlagen gehen darf.

Nach vier Jahren wieder ganz vorn

Zwischen Rundgang und Backfisch wurde ausführlich jeder einzelne Verein gewürdigt, der am Wettbewerb teilgenommen hat. Das waren in diesem Jahr immerhin 21 und damit ein paar mehr als in den Vorjahren.

Ganz vorn landete am Ende die Nickerner Anlage "Am Geberbach" e.V., deren Vorsitzender Klaus-Dieter Hansel sich über den Wanderpokal "Flora" und 1.000 Euro Preisgeld freuen durfte - so wie bereits vor vier Jahren.

Um nicht nur einen Sieger ehren zu können, vergaben Stadt und Stadtverband an diesem Samstagmittag gemeinsam etliche Sonderpreise. Jeder dankte hier jedem. Ein einziger Freudentag. Sogar das Wetter hielt.

Nur am Rande erwähnte Kleingärtner-Chef Frank Hoffmann die Probleme, die es zu bewältigen gelte, darunter die zunehmende Konkurrenz bei der Vergabe von Flächen, Parzellen, die zu Spekulationsobjekten würden, und die unsichere Zukunft der Hellersiedlung, um deren Gärtner er sich "große Sorgen" mache.

Unmut nach Jury-Entscheidung

Vergessen schien dagegen der Ärger aus dem vergangenen Jahr, als die Jury-Entscheidung beim Kleingarten-Wettbewerb nicht bei allen Vereinen gut ankam. Mitglieder des Vereins "Freudenberg" in Strehlen äußerten damals ihr Unverständnis über die Auszeichnung der Anlage "Am Waldrand", nachdem sie dort meterhohe Koniferen, Getreideanbau und andere kleingärtnerische Unsitten ausgemacht hatten. Auch am Konzept der "grünen Wege", auf denen Unkraut wachsen darf, störten sie sich. Die Vorsitzende Simone Paul sprach von einer "totalen Fehlentscheidung" und nannte den Wettbewerb eine "Farce".

Ronny Richter, damals Vereinsvorsitzender des Sieger-Vereins direkt an der Stadtgrenze zu Radebeul, nahm es locker. "Die Kritik von außen finde ich völlig okay", sagte er vor einem Jahr und unterstrich gleichzeitig, dass er mit seiner Anlage den Weg in Richtung naturnahes Gärtnern weitergehen wolle. Genau damit hätte er schließlich die Jury begeistern können. Das dazu passende Motto lautete im vergangenen Jahr: "Kreative Gärten, bunte Vielfalt."

Ein Sieg als schlechtes Omen? In der 2020 ausgezeichneten Anlage "Am Waldrand" warf der Vorsitzende Ronny Richter jüngst entnervt das Handtuch.
Ein Sieg als schlechtes Omen? In der 2020 ausgezeichneten Anlage "Am Waldrand" warf der Vorsitzende Ronny Richter jüngst entnervt das Handtuch. © Christian Juppe

Immer wieder hatte sich der Verein "Am Waldrand" mit seinen 271 Parzellen in den Jahren davor vergeblich um die Ehrung bemüht. Entsprechend groß war die Freude, als es 2020 endlich klappte.

Wenig später jedoch nahmen die Misstöne innerhalb der Anlage zu. Mitten in das Siegerjahr hinein rieben sich die Macher, und die, die es gern sein wollten, in internen Machtkämpfen auf. Schließlich warf Ronny Richter das Handtuch und trat zu Wahl im April nicht wieder an. "Da reichen drei, vier Leute, um Stimmung zu machen", sagt er. Neuer Vorsitzender ist seitdem Paul Rakow, der zur Veranstaltung am Samstag mit Gitarre "Über den Wolken" zum Besten gab. Der alte Vorstand wurde fast komplett ersetzt.

"Balsam für die Seele"

Von einem "Absägen" und von "Revolution" ist die Rede. Beim Rundgang durch die Anlage spricht eine Gärtnerin Ronny Richter mit "Chef" an, der sie sogleich korrigiert. "Aber du hast das doch alles aufgebaut", entgegnet ihm die Gärtnerin und meint damit die Blühwiese, den Gemeinschaftsgarten und etliche andere Projekte. "Danke", sagt Richter, lächelt süßsäuerlich, und geht weiter. Am liebsten würde er gar nicht mehr durch die Anlage laufen, sagt er. "Zum Glück liegt mein Garten ziemlich am Rand."

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Die Gäste bei der Prämierung von Dresdens schönster Kleingartenanlage bekamen von diesen Schwingungen allerdings wenig bis nichts mit. Der Wettbewerb sei "Balsam für die Seele", betonte Hoffmann, weil er die Kleingärtner zusammenbringe und zeige, wie viel in den vergangenen Monaten im Verborgenen geleistet worden sei. Womöglich gelingt es mit diesem Balsam ja, auch die Risse durch die Siegeranlage von 2020 ein wenig zu kitten.

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