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Kretschmer an der Neiße auf Schweinepest-Safari

Der MP spürt die Verärgerung über Bund und EU im Kreis Görlitz beim Kampf gegen die Tierseuche. Hier fühlt man sich als Experimentierfeld fürs ganze Land.

Ministerpräsident Michael Kretschmer lässt sich nördlich von Lodenau über den Stand bei der Bekämpfung der Afrikanischen Schweinepest informieren.
Ministerpräsident Michael Kretschmer lässt sich nördlich von Lodenau über den Stand bei der Bekämpfung der Afrikanischen Schweinepest informieren. © André Schulze

Drei Rollcontainer stehen eingezäunt, weit ab vom Rollfeld des Rothenburger Flugplatzes, irgendwo am Ende Richtung Lodenau. Beim Näherkommen steigt den Besuchern ein unangenehmer Geruch in die Nase. Beginnende Verwesung. Der Landkreis hat hier einen von zwei Bergestützpunkten für Wildschwein-Kadaver eingerichtet. Clemens Ringe und seine Kameraden von der Freiwilligen Feuerwehr schaffen die verendeten oder geschossenen Tiere hierher. Zwei- bis dreimal in der Woche rückt die Tierkadaverbeseitigung aus Meißen an. Dort werden die Schwarzkittel fachgerecht entsorgt.

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Bei der Stippvisite vor-Ort geht es für Sachsens Ministerpräsident Michael Kretschmer aber noch um mehr. Er will den Kampf gegen die Afrikanische Schweinepest forcieren und lässt sich deshalb umfassend informieren. Laut Dr. Udo Mann schwappt inzwischen schon die dritte oder vierte Welle infizierter Schweine von Polen aus über den nördlichen Landkreis Görlitz. Untersuchungen hätten ein verändertes Virus zutage gebracht, erklärt der stellvertretende Amtstierarzt. Das Problem sei aber kein lokales, sondern ein gesamtdeutsches oder gar europäisches. Deshalb müsse man dringend Ansätze finden, um Polen endlich zur Verringerung der Wildschweinbestände auf seinem Territorium zu bewegen.

Ein trauriger Anblick: In den Rollcontainern des Kadaverbergestützpunktes in Lodenau warten geborgene Wildschweine auf den Abtransport zur Tierkörperbeseitigung nach Meißen.
Ein trauriger Anblick: In den Rollcontainern des Kadaverbergestützpunktes in Lodenau warten geborgene Wildschweine auf den Abtransport zur Tierkörperbeseitigung nach Meißen. © André Schulze

Wie schwer es Ostsachsen getroffen hat, zeigt ein Blick auf das gefährdete Gebiet. Das heißt jetzt offiziell Zone II und umfasst mehr als 2.000 Quadratkilometer, die beginnend von der Neiße ins Inland reichen. Die Pufferzone erstreckt sich inzwischen gar bis Zittau im Süden und Kamenz im Westen. Genau in dieser Ausdehnung sieht der Experte aber auch eine Chance: Ein massiver Zaun am Burkauer Berg und die Ertüchtigung der Autobahn A4 als Barriere müssten die Wanderung der Wildschweine unterbinden. Ebenso ein Doppelzaun zwischen Zittau und den nördlichen Gebieten des Landkreises an der Neiße - wo es ihn schon gebe. "Wir müssen das Infektionsgeschehen eingrenzen, es darf sich nicht weiter ausbreiten", so Mann. Die Zäune müssten gebaut werden, ehe das ASP-Virus dahin vorgedrungen sei.

Schon jetzt befindet sich der Landkreis beim Thema Schweinepest im Ausnahmezustand. "Wir sind hier Experimentierfeld für ganz Deutschland", betont der stellvertretende Amtstierarzt, der regelmäßig ein bis zwei Kollegen aus dem Bundesgebiet im Rahmen der Amtshilfe zur Verfügung hat. Darüber hinaus sei aber wenig passiert. Außer verbalen Hilfsbekundungen der Bundespolitik habe es bisher kaum Unterstützung gegeben.

Die Restriktionszone umfasst weite Teile des Landkreises Görlitz, die Pufferzone reicht bis Kamenz. In beiden Gebieten soll die Wildschweinjagd intensiviert werden.
Die Restriktionszone umfasst weite Teile des Landkreises Görlitz, die Pufferzone reicht bis Kamenz. In beiden Gebieten soll die Wildschweinjagd intensiviert werden. © SZ Grafik

Das soll sich nun ändern. Michael Kretschmer fordert die Bundesregierung auf, schnellstmöglich auf Polen zuzugehen. Der Freistaat selbst wolle mit der Woiwodschaft Niederschlesien ins Gespräch kommen. Und eine noch zu bildende Arbeitsgruppe aus Sachsen, Brandenburg und Mecklenburg-Vorpommern werde sich um den Fortgang der ASP-Bekämpfung in den drei Bundesländern kümmern.

Bald auch Jagd mit Nachtsichtgerät möglich?

Neben den Zäunen und der Kooperation mit Polen am wichtigsten, schätzt Udo Mann ein, ist der Abschuss möglichst vieler Wildschweine - sowohl im gefährdeten Gebiet als auch in der Pufferzone. Dabei sei es wichtig, auch neue Wege zu gehen. Da die Drückjagden im Herbst vergangenen Jahres wegen Corona abgesagt wurden, müsse nun noch intensiver geschossen werden. Weil man jedoch in der hiesigen Jägerschaft nur etwa die Hälfte damit erreiche, "hat der Landkreis Kontakt zum Innenministerium aufgenommen", erläutert der Veterinär. Denn auch unter den Polizisten gebe es ausgebildete Jäger, die man durchaus mit einsetzen könne. Michael Kretschmer will sich zudem dafür einsetzen, dass die umstrittene Jagd mit Nachtsichtgerät für einen solchen Krisenfall legalisiert wird.

Dr. Udo Mann erläutert Sachsens Ministerpräsident Michael Kretschmer und Pressevertretern, was zur intensiveren Bekämpfung der Afrikanischen Schweinepest getan werden kann.
Dr. Udo Mann erläutert Sachsens Ministerpräsident Michael Kretschmer und Pressevertretern, was zur intensiveren Bekämpfung der Afrikanischen Schweinepest getan werden kann. © André Schulze

Die nächsten Wochen könnten für die Reduzierung der Wildschweinpopulation entscheidend sein. Zum einen läuft die sogenannte Erntejagd auf den Feldern jetzt auf vollen Touren. Zum anderen stehen die herbstlichen Drückjagden kurz bevor. Um spätestens im nächsten Jahr noch besser zum Abschuss zu kommen, soll ein Risikogürtel von der brandenburgischen Landesgrenze bis nach Görlitz geschaffen werden. Das bedeutet: Innerhalb eines einige Meter breiten Streifens werden die Landwirte gebeten, Blühwiesen anzulegen statt Mais anzubauen. "In einem vier Meter hohen Maisfeld hast du als Jäger keine Chance, das ist einfach nicht zu überwachen", so Udo Mann.

Allerdings müssen die Vereinbarungen mit den Bauern bis Mitte Oktober abgeschlossen sein. Dies ist der Termin für die Fertigstellung der Anbaupläne fürs Folgejahr. Zwar könne dies auch gesetzlich verfügt werden, stellt Sebastian Vogel klar. Dann aber würden Schadensersatzansprüche drohen, erläutert der erst jüngst berufene Staatssekretär aus dem Sozialministerium, bei dem nun alle die Schweinepest betreffenden Fäden im Freistaat Sachsen zusammenlaufen.

Erste Einschränkungen für Mastbetriebe

Das Vorrücken der Tierseuche ist schon jetzt für Mastbetriebe nur schwer zu verkraften, auch wenn das Virus noch nicht in die sächsischen Bestände eingedrungen ist. Unternehmen mit Standorten in Kodersdorf, Horka, Kunnersdorf, Schönau und Friedersdorf dürfen laut Tierärztin Fatima Bulla, die im Veterinäramt des Landkreises für Tiergesundheit und die ASP-Lage zuständig ist, durch die Lage im gefährdeten Gebiet ihre Mastschweine nur noch in einem dafür zertifizierten Schlachthof in Schleswig-Holstein schlachten lassen.

Ansonsten herrscht ein - wie es im Amtsdeutsch heißt - Verbringungsverbot. Weitere sieben Standorte mit deutlich über 20.000 Schweinen sind davon bedroht, falls die Pufferzone, in der sie sich befinden, auch zum gefährdeten Gebiet hochgestuft werden sollte. Selbst Landwirte, in deren Feldern infizierte Schwarzkittel gefunden oder geschossen wurden, haben es schwer, das geerntete Getreide oder den Mais zu vermarkten. Denn das Virus könnte an den Pflanzen hängen geblieben sein.

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Für Pilzsucher und Blaubeersammler sind indes auch in Zukunft keine Einschränkungen zu erwarten. Sachsen habe eines der liberalsten Waldgesetze in Deutschland, erklärt Udo Mann. Wer auf der Pirsch nach den Früchten des Waldes einen Schutzzaun passieren wolle, "der sollte doch einen der in Abständen vorhandenen Durchgänge nutzen. Und ihn danach wieder verschließen." Auch Radler müssen sich keine Sorgen machen, wenn sie auf dem Neißeradweg inmitten des Doppelzaunes ihrem Hobby frönen wollen. Notwendige Durchfahrten, so der stellvertretende Amtstierarzt, müsse man sich beim Bau im Einzelfall ansehen. Sperrungen seien aber hier ebenfalls nicht angedacht.

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