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Sachsen: Wenn der Doktor Corona ignoriert

Hygieneregeln missachtet, Personal eingeschüchtert: Ein Arzteinsatz in einem Görlitzer Altenheim beschäftigt jetzt die Behörden.

Ralph Tinzmann im Mai am Postplatz bei einer Demo, die er organisiert hatte.
Ralph Tinzmann im Mai am Postplatz bei einer Demo, die er organisiert hatte. © Nikolai Schmidt

Für die Polizei war es ein normaler Einsatz. Als vier Kriminalisten vor knapp zwei Wochen an einem Altenheim in der Görlitzer Innenstadt vorfuhren, hatten sie den Job, einen unklaren Todesfall zu untersuchen. Als sie ankamen, war der Arzt weg, der sie gerufen hatte. Was vor Ankunft der Polizei passiert, beschäftigt nun die Behörden.

Es ist Mittwoch, der 9. Dezember. Bei der Polizei geht um 21.33 Uhr ein Anruf des Bereitschaftsarztes Ralph Tinzmann ein. Ein Altenheimbewohner ist verstorben. Eine Stunde vorher hat eine Altenpflegerin bemerkt, dass ein 64-jähriger Mann tot im Zimmer liegt.

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Sie verständigt die Leitstelle. Dokumenten zufolge, die der SZ vorliegen, trifft Tinzmann eine halbe Stunde später ein. Ohne Schutzkleidung stürmt er demnach in den Wohnbereich, in dem der Verstorbene lebte. Das Heim steht wegen Corona-Fällen unter Quarantäne. Die vorgeschriebene FFP2-Schutzmaske trägt der Arzt nicht, nur eine einfache Maske unter der Nase hängend. Woran der Mann gestorben sei, will Tinzmann wissen. Man sterbe mit dem „Baujahr“ nicht einfach so, soll er gesagt haben, bevor er den Toten sah.

Personal eingeschüchtert

Der verstorbene Heimbewohner soll wegen chronischer Krankheiten und Demenz schon länger pflegebedürftig gewesen sein. Um ihm das Atmen zu erleichtern, erhielt er Sauerstoff und Infusionen. Tinzmann bekommt die Krankenakte, darauf ein Vermerk: Positiver Corona-Test. Tinzmann soll daraufhin nur „Pfff“ gesagt haben und: „Nein, das kann nicht sein.“

Der Arzt soll gegenüber dem Personal unfreundlich aufgetreten sein und gesagt haben, dass er wegen des Toten die Polizei rufen werde. Die Pflegerin soll sich deshalb so stark eingeschüchtert und in die Ecke getrieben gefühlt haben, dass sie psychologische Hilfe brauchte. Im Umgang mit Personal und Patienten trete Tinzmann Kollegen zufolge nicht immer „gerade menschlich“ oder taktvoll auf. „Viele sind aber froh, dass er ständig Bereitschaftsdienste macht, damit sie keine machen müssen.“

Am Görlitzer Konsulplatz eröffnete Ralph Tinzmann 2006 eine Praxis, später kam ein weiterer Standort im Ortsteil Weinhübel hinzu. Von Beginn an fährt Tinzmann in Görlitz und Umgebung Notdienste. Das machte ihn zu einem der bekanntesten Mediziner der Region. 2018 war er es, der öffentlich gegen die Neuaufteilung der Einsatzgebiete für Bereitschaftsärzte in der Region protestierte.

Vor zwei Jahren hatte Ralph Tinzmann den Umgang mit den Notärzten kritisiert.
Vor zwei Jahren hatte Ralph Tinzmann den Umgang mit den Notärzten kritisiert. © Archiv: Pawel Sosnowski/pawelsosnowski.c

Tinzmann wetterte gegen die von der Landesärztekammer festgelegte Größe der Gebiete, geißelte den Mangel an Landärzten und schimpfte über den fehlenden Willen seiner Kollegen, sich an den Bereitschaftsdiensten zu beteiligen.

Im Frühsommer organisierte er mit seiner Partnerin Dr. Luise Möhle, Anästhesistin am Klinikum Görlitz, Proteste gegen die Corona-Schutzmaßnahmen.

Ins Zimmer lässt sich Ralph Tinzmann von der Pflegerin begleiten. Ohne Schutzkleidung, nur Einmalhandschuhe lässt er sich geben. Die Frau hilft dabei, den Mann kurz auf die Seite zu drehen. Eine eingehende Untersuchung soll sie nicht bemerkt haben. Dann verlässt der Arzt, der die Maskenpflicht für Unsinn hält, das Zimmer.

Tinzmann füllt die Todesbescheinigung aus – ohne nähere Angaben zur Ursache, Vorerkrankungen oder einen Hinweis auf die Corona-Infektion – und, er kreuzt auch nicht das Kästchen „Infektionsgefahr“ wegen einer meldepflichtigen Erkrankung an, obwohl dies vorgeschrieben und in der Akte dokumentiert ist. Insgesamt soll das Ganze keine halbe Stunde gedauert haben. Bei einer Leichenschau Anfang Dezember und bei der Untersuchung eines Bewohners am vergangenen Donnerstag soll er keine Schutzkleidung getragen haben.

Corona: Über 300 Todesfälle im Kreis Görlitz

Ist es sein Blick auf die Pandemie, die den Arzt so handeln lässt? Man würde gern mit ihm darüber sprechen. Einen schriftlichen Fragenkatalog lässt er unbeantwortet. Am Telefon sagt er: „Das ist schon im Schredder.“ Der SZ liegen Protokolle und Zeugenaussagen vor, die den beschriebenen Hergang nahelegen.

Immer wieder sagt Tinzmann demnach, dass „man nicht so einfach an Corona stirbt.“ Im Landkreis sind seit März 304 Menschen mit einer Corona-Infektion gestorben, erst am Freitag kamen 24 neue Todesfälle hinzu – darunter ein 56-Jähriger.

Ralph Tinzmann gilt als Fachmann. Der gebürtige Görlitzer machte 2001 seine medizinische Dissertation an der Hochschule in Aachen über den Einsatz von gefäßerweiternden Medikamenten bei Diabetikern. Sein Doktorvater, Prof. Bernhard Angelkort, war damals am größten Krankenhaus Nordrhein-Westfalens tätig, dem Klinikum Dortmund. Mit ihm und einem Gefäßmediziner verfasste Tinzmann ein 2003 veröffentlichtes Standardwerk zur Behandlung der Nierenerkrankung diabetische Nephropathie.

Am Telefon erinnert sich Angelkort, Tinzmann sei „ein sehr offener Kollege“ gewesen, nie übergriffig zu Mitarbeitern oder Patienten. „Das tut mir sehr, sehr leid, dass Herr Tinzmann so abgeglitten ist,“ sagt er. Aber er sei ja nicht der Einzige. „Vor Ärzten, die Corona verharmlosen oder gar verleugnen, habe ich jeden Respekt verloren.“

Amt liegen mehrere Beschwerden vor

Den Behörden sind im Landkreis acht Ärzte bekannt, die ähnlich agieren. Anfang Dezember verschickte das Landratsamt deshalb einen Brief an Pflegeheime – „aus stetig wiederkehrenden gegebenen Anlass“. Man bitte um sofortige Meldung, sollten Haus-, Bereitschafts- oder Notärzte ohne Mund-Nase-Bedeckung Einrichtungen betreten oder Patienten behandeln. Es sollte ein Appell an die Vernunft sein, heißt es aus der Behörde.

Wegen des Briefs soll Tinzmann dem Kreis eine Klage angedroht haben. Er selbst äußert sich nicht dazu. Der Name Tinzmann tauche in Beschwerden immer wieder auf, sagt ein Insider. Wegen falsch oder nicht angelegter Mund-Nase-Bedeckung, wegen Leugnung der Corona-Pandemie und, weil er in seiner Praxis Patienten, die eine Maske tragen, zurückweisen soll. Tinzmann schweigt zu den Vorwürfen. Das Landratsamt kontaktierte ihn. Amtsmitarbeiter berichten von einer Zurückweisung und Beschimpfungen.

Im Klinikum Görlitz halte sich Tinzmann an Hygieneregelungen. In der „Arbeitsgemeinschaft Heime“ soll er schon vor Corona wegen seines Verhaltens Thema gewesen sein. Manche Heimmitarbeiter hätten Angst vor ihm. „Er hat Entscheidungskraft, wenn es um die Rettung der Bewohner geht.“ Wer ihn zur Rede stelle, müsse fürchten, dass er das nicht vergisst. Wagt ein Heimleiter Kritik, könne es passieren, das Tinzmann bei Verstorbenen „ungeklärte Todesursache“ankreuze“, was einen Automatismus zur Folge hat: Die Polizei kommt. Im Heim entsteht Unruhe. Bewohner ängstigten sich.

Falscher Totenschein ist strafbar

Die „ungeklärte Todesursache“ kreuzte Tinzmann an jenem Dezemberabend auf dem Totenschein an. 2019 registrierte die Polizei 888 „nichtnatürliche Todesfälle“ in den Landkreisen Bautzen und Görlitz. Nur ein Bruchteil stellt sich in der Regel als „nichtnatürlich“ heraus. Nicht selten wird das oder „Todesursache unklar“ von Notärzten angekreuzt, weil sie keine Zeit für eingehende Untersuchungen haben. 2020 wird wohl erstmals die Schwelle von 1.000 solcher Fälle gerissen, teilt ein Polizeisprecher mit. Mitte Dezember lag die Zahl bei 991.

Auch andere Heime haben Erfahrungen mit Tinzmann gemacht. Er halte sich nicht immer an die Maskenpflicht, verharmlose oder leugne Corona. „Darüber hatten wir schon diverse Diskussionen.“ Im Frühjahr sei es um das Tragen von Schutzkleidung gegangen. „Wir alle arbeiten über unsere Kräfte.“ Diskussionen über Regelungen führen zu müssen, „macht es noch mal viel schwerer." In einem anderen Heim soll er sich bis vor Kurzem nicht an die Maskenpflicht gehalten haben.

Landesärztekammer: 20 berufrechtliche Verfahren

Bis heute treffen sich am Montag in Görlitz Gegner der Corona-Maßnahmen. Auch andernorts im Kreis gibt es Proteste gegen die Maßnahmen, etwa entlang der B96.
Bis heute treffen sich am Montag in Görlitz Gegner der Corona-Maßnahmen. Auch andernorts im Kreis gibt es Proteste gegen die Maßnahmen, etwa entlang der B96. © xcitepress

Der Landesärztekammer liegen rund 50 Anzeigen gegen Ärzte vor. In der vergangenen Woche hatte die Landesärztekammer gegen eine Internistin aus Oelsnitz Strafanzeige gestellt, wegen Volksverhetzung. In 20 Fällen hat die Kammer berufsrechtliche Verfahren eingeleitet. Aus Görlitz könnte nun ein weiteres dazukommen. Die Kammer teilt nur mit, dass zu einem Görlitzer Arzt Beschwerden vorliegen, „wegen vermutlicher Verstöße gegen die Corona-Schutzverordnung, gegen das Bestattungsgesetz sowie gegen die ärztliche Berufsordnung“, sagt Sprecher Knut Köhler. Auf dem Totenschein meldepflichtige Krankheiten wegzulassen, kann schwere Folgen für Bestatter oder Ärzte haben, etwa bei einer zweiten Leichenschau.

Die meisten Ärzte halten sich an Regeln

Nach Wahrnehmung des Görlitzer Gastroenterologen Christian Haferland unterstützen die meisten Ärzte die geltenden Regelungen. "Aber sie sind nicht so laut, wie die, die es nicht tun." Menschen, die Corona leugnen oder verharmlosen, dürfte es vermutlich in jedem Berufsstand geben, "das nimmt leider die Ärzte nicht aus. Obwohl ich es nicht verstehe", sagt Haferland. "Wer eine naturwissenschaftliche Grundausbildung hat - gerade ein Arzt - sollte diese verinnerlicht haben, besonders dann, wenn er Verantwortung für andere Menschen hat."

Leugnen bedeute auch, die Verantwortung nicht übernehmen zu wollen. Die aber in der Praxis besonders hoch ist. Zum einen, weil bei einem Arzt berufsgemäß besonders viele Menschen aus einer Risikogruppe vorstellig werden. Zum anderen gibt es Arbeitsbereiche, in denen das Personal, unabhängig von Corona, einem hohen Infektionsrisiko ausgesetzt ist. Als ein Beispiel nennt Haferland die Aerosolbelastung bei Magenspiegelungen. "Es gibt viele andere solcher Bereiche. Das heißt, wir müssen natürlich auch unsere Mitarbeiter schützen, besonders jetzt. Nur dann haben wir eine Chance, arbeitsfähig zu bleiben."

Der Allgemeinarzt Leonhard Großmann sagt: „Man kann eine private Meinung haben und vertreten, die Frage ist, welche Pflichten man als Arzt auch gegenüber Dritten hat, den Patienten, Pflegeheimen, Sozialstationen.“ Er halte die Maskenpflicht und andere Hygienemaßnahmen in den Praxen und anderen Einrichtungen für sinnvoll. „Sich an die Regeln der Einrichtungen zu halten, ist alleine schon ein Gebot des Respektes“, so Großmann.

Er plädiert dafür, den Erkenntnissen der Wissenschaft, etwa neuen Studienlagen, zu vertrauen. „Ich habe das Coronavirus auch noch nicht unter dem Mikroskop gesehen. Aber es gibt Wissenschaftler, die das für uns übernommen haben - es gibt Grundannahmen der Wissenschaft, auf die wir bauen müssen", sagt er. "Sonst können wir alles in Frage stellen und letztlich alle Erkrankungen und Therapien ad absurdum führen.“

Angespannte Lage für Ärzte und Pfleger

Die Lage in den Krankenhäusern ist nach wie vor sehr angespannt. In den Görlitzer Kliniken und dem Gesundheitsamt helfen seit Oktober Bundeswehrsoldaten.
Die Lage in den Krankenhäusern ist nach wie vor sehr angespannt. In den Görlitzer Kliniken und dem Gesundheitsamt helfen seit Oktober Bundeswehrsoldaten. © Bundeswehr/Anne Weinrich

Die medizinische Situation ist so angespannt, dass die Staatsregierung niedergelassene Ärzte gebeten hat, zwischen den Festtagen die Versorgung abzusichern, damit es nicht zu einer Zusatzbelastung von Kliniken kommt. Das heißt in Pandemie-Zeiten auch, dass strenge Hygienemaßnahmen einzuhalten sind. Behörden und Kammern tun sich bisher schwer dabei, Verstöße zu ahnden.

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Im Fall von Ralph Tinzmann könnte das Ordnungsamt ein Bußgeld verhängen, weil er bei Einsätzen die Maske nicht oder falsch trug. Der Totenschein könnte zum Fall für den Staatsanwalt werden, wenn ohne jede Prüfung eine angabepflichtige Information wie die Corona-Infektion nicht enthalten ist. Dann steht die strafbare Ausstellung eines falschen Zeugnisses im Raum. Die Landesärztekammer will vorliegende Beschwerden jetzt an die Landesdirektion übergeben, die über die Approbation von Ärzten entscheidet und diese bei Fehlverhalten entziehen kann.

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