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Erste Jugendliche in Löbau geimpft

In Sachsen können sich mehr Jugendliche impfen lassen als bundesweit. Warum die Sächsische Impfkommission so entschieden hat.

Im Impfzentrum Löbau wird das Publikum jünger. Auch Jugendliche können sich hier jetzt impfen lassen.
Im Impfzentrum Löbau wird das Publikum jünger. Auch Jugendliche können sich hier jetzt impfen lassen. © Rafael Sampedro/foto-sampedro.de

Löbau. Eine 14- und eine 15-Jährige waren die ersten, die einen Termin im Impfzentrum Löbau bekommen haben. Sie wurden am Dienstag geimpft. Eines der beiden Mädchen und seine Eltern wurden von Hans-Christian Gottschalk betreut und über den Biontech-Impfstoff aufgeklärt. Der Görlitzer ist Impfarzt in Löbau, leitete lange Zeit die Kinderklinik am Städtischen Klinikum Görlitz und ist Mitglied der Sächsischen Impfkommission. Diese hat am Dienstagnachmittag ihre Empfehlung zur Impfung von Kindern abgegeben. "Wir haben unsere Empfehlung etwas offener gehalten als die Stiko", erklärt Gottschalk.

Siko-Empfehlung ist offener

Dr. Hans-Christian Gottschalk im Impfzentrum Löbau. Er ist Mitglied der Sächsischen Impfkommission.
Dr. Hans-Christian Gottschalk im Impfzentrum Löbau. Er ist Mitglied der Sächsischen Impfkommission. © Rafael Sampedro/foto-sampedro.de

Die Stiko ist die Ständige Impfkommission am RKI. Sachsen ist das einzige Bundesland, das eine eigene Impfkomission hat, die Siko. Sie ist dem Gesundheitsministerium unterstellt.

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Die Stiko hatte empfohlen, dass Kinder zwischen zwölf und 15 Jahren mit einer Vorerkrankung gegen Corona geimpft werden sollten. Für eine uneingeschränkte Standardimpfung für die Jugendlichen entschied die Stiko nicht, auch die Sächsische Kommisssion nicht. Sie empfiehlt eine dritte Kategorie und plädiert dafür, allen Zwölf- bis 15-Jährigen eine Impfung zu ermöglichen, nach ausführlicher Aufklärung. Im besten Falle zusammen mit beiden Elternteilen. Kann nur ein Elternteil anwesend sein, muss es unterzeichnen, dass es auch im Namen des anderen Elternteils handelt, erklärt Hans-Christian Gottschalk. Auch in dieser Kategorie sollen Kinder mit bestimmten Vorerkrankungen, oder wenn sie Kontaktperson eines Menschen mit erhöhtem Risiko sind, an erster Stelle stehen.

Gegen die Empfehlung einer Standardimpfung haben sich Stiko und Siko aus dem gleichen Grund ausgesprochen: "Es geht immer um die Risiko-Nutzen-Abwägung." Eine Corona-Infektion führt bei Kindern und Jugendlichen nur selten zu schweren Erkrankungen, "Todesfälle gab es zum Glück nur ganz wenige", so Gottschalk. Auf der anderen Seite liegen für eine Standardimpfung noch zu wenige Daten, damit zu wenig Wissen über Risiken der Impfung bei Kindern vor. "In den Zulassungsstudien von Biontech wurden in Deutschland etwa 1.200 Kinder geimpft, bei Moderna waren es 3.000." Um sogenannte seltene Nebenwirkungen feststellen zu können, ist das zu wenig.

Dass die Siko ihre Empfehlung dennoch offener hält, hat mit der pandemischen Lage zu tun, erklärt Gottschalk. "Für eine medizinische Zulassung spielt das zu Recht keine Rolle. Es ist kein medizinischer Aspekt", so Gottschalk. "Aber wenn wir die Pandemie stoppen wollen, ist es nicht klug, eine nicht kleine Gruppe komplett außen vorzulassen." Dann wäre eine Herdenimmunität noch deutlich schwerer zu erreichen. In erster Linie geht es bei der Impfempfehlung darum, schwere Krankheitsverläufe zu verhindern, die Zahl der Neuinfektionen zu senken, aber auch darum, Kontaktketten zu unterbrechen, schreibt die Siko in ihrem Positionspapier.

Long Covid bei Jugendlichen oft genug gesehen

Gottschalk persönlich spricht sich für die Impfung Jugendlicher aus. "Es ist zwar selten, aber trotzdem haben wir gerade bei Jugendlichen Long Covid nun wirklich oft genug gesehen", sagt er.

Die Schulen im Kreis Görlitz konnten am Mittwoch in den Regelbetrieb zurückkehren. Am Morgen lag die Sieben-Tage-Inzidenz laut RKI bei 12,3 im Kreis Görlitz. Die Schul- und Kita-Öffnungen sieht Gottschalk als besonders wichtigen Schritt bei den Lockerungen. "Ich sehe erstmals in meinem Berufsleben auch eine soziale Indikation für eine Impfung". Er kritisiert, dass vorigen Sommer zu wenig getan worden sei, um Kinder wirksam zu schützen. "Es wäre Zeit gewesen, um wirksame Konzepte für Schule und Kita zu erarbeiten. Ich bin der Meinung, dass Kinder die mit am meisten Leidtragenden in den vergangenen Monaten waren. Viele wurden durch die fehlenden Kontakte in ihrer sozialen Entwicklung zumindest behindert." Für die Kinder sei es wichtig, in Zukunft wirksamer geschützt zu sein, um eine solche Lage zu vermeiden.

Gottschalk, auch viele andere Mediziner und Virologen, nehmen an, dass im Herbst eine weitere Corona-Welle kommen wird. Wie die aussieht, wisse niemand, "das ist eine große Unbekannte." Relativ klar sei dagegen, dass es nicht möglich sein wird, bis Herbst eine Herdenimmunität herzustellen. "Das ist für mich ein weiterer Punkt für die Impfung der Kinder. Die Gruppe, die dann ungeschützt wäre, sind sie."

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Die Siko empfiehlt außerdem eine Aufteilung bei den Impfungen nach Altersgruppen: "Wir nehmen an, dass gerade bei den Jüngeren noch mehr Aufklärungsbedarf besteht, auch die Eltern vielleicht mehr Fragen haben." Deshalb sollen die Zwölf- und 13-Jährigen sich beim Kinderarzt, der die Kinder und Eltern kennt, impfen lassen, die Älteren im Impfzentrum. Einen Termin können sie sich schon ein paar Tage machen - seitdem die EMA die Corona-Impfung für Kinder mit mRNA-Impfstoff zugelassen hat.

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