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"Unsere Gesellschaft braucht Hochbegabte"

Das sächsische Landesgymnasium Sankt Afra in Meißen ist 20 Jahre alt geworden. Auf der Festveranstaltung wird eine wichtige Frage beantwortet.

Grauköpfe und Blondschöpfe, keine Betonköpfe: Afra-Schulleiter Stefan Weih eröffnet den Festtag zur 20. Wiederkehr der Gründung des Landesgymnasiums.
Grauköpfe und Blondschöpfe, keine Betonköpfe: Afra-Schulleiter Stefan Weih eröffnet den Festtag zur 20. Wiederkehr der Gründung des Landesgymnasiums. © Claudia Hübschmann

Meißen. Es fühlt sich ein bisschen wie Klassentreffen an. Lang hat man sich nicht mehr gesehen. Trotzdem ist plötzlich die alte Verbundenheit wieder da. "Weißt Du noch, damals?" Das dürfte eine Frage sein. Schnell wird sie abgelöst durch die Frage nach dem Jetzt und Hier.

Zum Jubiläum 20 Jahre sächsisches Landesgymnasium Sankt Afra sind an diesem Freitagvormittag viele Wegbegleiter und Wegbereiter erschienen. Ulrike Ostermaier zum Beispiel hat zwölf Jahre lang mit ihrer ruhigen, zurückhaltenden Art die Hochbegabtenschule geprägt. Das muss ihr erst einmal jemand nachmachen. Bert Xylander überbrückte die Monate zwischen ihrem Weggang und der Ankunft des neuen Schulleiters Stefan Weih. "Nebenbei" führte er noch das kreisliche Gymnasium in Nossen. Auch das muss ihm erst einmal jemand nachmachen. Nicht kommen konnte Mit-Gründer Werner Esser. Ein solches Vorhaben wie Sankt Afra umzusetzen, das muss ihm erst einmal jemand nachmachen.

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Einer, der die Anfänge hautnah miterlebt hat, ist der Vorsitzende des Fördervereins Samuel Dobernecker. Er zählte zu den ersten Jahrgängen, die vor zwei Jahrzehnten den Komplex auf der Meißner Freiheit beziehen durften, dort wo früher der Klerus steuerfrei Wein statt Wasser trank. Die Hälfte des Internats sei damals noch im Bau gewesen. Im durchsanierten neoklassizistischen Haupthaus war die Farbe an den Wänden gerade getrocknet, erinnert sich der Kirchenmusiker.

Was ihn in seinem Grußwort am Freitag umtreibt, ist die Frage, welche in den 1990er Jahren in der Diskussion um eine sächsische Hochbegabtenschule, aber auch heute noch gestellt wird: Wie kommt das Geld zurück, welches die Steuerzahler in eine solch einmalige Institution und ihre Schüler stecken? Muss Hochbegabtenförderung nicht auch Hochleistungen zur Folge haben?

Doberneckers eigene Biografie gibt eine Antwort darauf. Er habe in Sankt Afra die verinnerlichte Zurückhaltung aufgeben können, welche ihn bis dahin durch sein Schülerdasein begleitete. Er habe geschwebt und einen bis dato unbekannten Raum an Möglichkeiten austesten können. Hochbegabte hätten einfach das Bedürfnis, ihren Geist zu beschäftigen, das Gehirn rattern zu lassen. Sie strebten danach, die Welt in ihrer Komplexität zu erfassen. "Genau deshalb brauchen wir sie", sagt der Alt-Afraner. Die Gesellschaft sollte dankbar sein für Spezialisten, die sich einer Herausforderung annähmen, welche sonst im allgemeinen Trend zur Vereinfachung eher links liegen gelassen werde.

Die Zukunft der früheren Fürstenschule auf der Meißner Freiheit war nach der Wende durchaus umstritten. Mehrere Ministerien und Einrichtungen äußerten Begehrlichkeiten.
Die Zukunft der früheren Fürstenschule auf der Meißner Freiheit war nach der Wende durchaus umstritten. Mehrere Ministerien und Einrichtungen äußerten Begehrlichkeiten. © Claudia Hübschmann

Sachsens Bildungsminister Christian Piwarz (CDU) nickt, wenn Dobernecker von der Debatte um die vermeintliche Eliteschule erzählt. Ja, so sei es gewesen, erinnert er sich. Hochbegabte kämen doch überall zurecht. Weshalb sollten sie besonders gefördert werden? Solche Argumente wurden Mitte der 1990er Jahre gegen ein sächsisches Landesgymnasium ins Feld geführt. Der 46-Jährige hält dagegen, dass es Hochbegabte nicht immer einfach hätten an normalen Schulen. Sachsen brauche kluge Köpfe. Er baue darauf, dass ein Teil der Afraner nach den prägenden Erfahrungen in ihrer Wiege, in der Wiege Sachsens, dem Freistaat verbunden blieben, etwas zurückgeben wollten, von dem, was ihnen gegeben wurde, ohne dies von Vornherein festzuschreiben.

Nicht nur Biedenkopfs Verdienst

Natürlich muss der Christdemokrat Piwarz daran erinnern, dass maßgebliche Impulse zum Aufbau von Sankt Afra von Sachsens erstem Nachwende-Ministerpräsidenten Kurt Biedenkopf (CDU) ausgingen. Ein Kotau vor dem kürzlich verstorbenen Sachsen-König. Unterlagen aus dem Archiv des früheren Meißner FDP-Landtagsabgeordneten Ludwig Martin Rade erzählen eine andere Version. In der Anfangszeit des Freistaates stritten sich mehrere Ministerien um die attraktiven Immobilien der alten Fürstenschule auf der Freiheit. Das Projekt stand auf der Kippe.

Rade wandte sich daraufhin mit einem Brief an Ministerpräsident Kurt Biedenkopf, worin er forderte, die Landesschule St. Afra wieder zu dem werden zu lassen, was sie früher darstellte, nämlich einem Gymnasium für Begabte mit landesweiter und europaweiter Bedeutung. Später kam es zu einem persönlichen Gespräch mit Biedenkopf. Rade folgte mit seinem Engagement für die Landesschule einer Idee, welche Sachsens Wissenschaftsminister Hans Joachim Meyer (CDU) erstmals 1991 geäußert hatte.

Christian Fürchtegott Gellert und Gotthold Ephraim Lessing – zwei deutsche Dichter und Denker, welche die Fürstenschule Afra besuchten. Welche Afraner machen künftig von sich reden?
Christian Fürchtegott Gellert und Gotthold Ephraim Lessing – zwei deutsche Dichter und Denker, welche die Fürstenschule Afra besuchten. Welche Afraner machen künftig von sich reden? © Claudia Hübschmann

In den folgenden Jahren nahmen die Pläne für ein Gymnasium in Trägerschaft des Freistaates weiter Gestalt an. 1994 beschloss das Kabinett, Meißen vor dem konkurrierenden Grimma den Vorzug als Standort zu geben. Ein weiterer Kabinettsbeschluss legte übrigens nahe, in späterer Zukunft an die Umwandlung in eine Stiftung zu denken.

Der Landkreis Meißen musste die Immobilie, in der ein kreiseigenes Gymnasium untergebracht war, schließlich trotz Protesten und Streit um den Namen räumen. Ab 1998 begann der Bau an dem rund 40 Millionen Euro teuren Prestigeprojekt. Ende der 90er Jahre wurde der Reformpädagoge Werner Esser als Gründungsleiter berufen. 2001 zogen die ersten Schüler ein.

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Wie kann eine Hochbegabtenschule noch stärker in die Gesellschaft hinein wirken? Dem Vorsitzenden des Elternrates Sankt Afra, Hagen Bergien, bleibt vor dem Festvortrag das Schlusswort überlassen. Es ist ein schöner Vergleich, den er bringt. Ein Garten, wie das Landesgymnasium, trage die besten Früchte, wenn der Boden gut ist, die Beete klein, und gut gedüngt wird. Diese Erkenntnis sollte seit der neolithischen Revolution eigentlich Allgemeingut sein. Doch weshalb werde sie nicht auf alle anderen Schulen übertragen? Bildung sei schließlich wesentlich für unsere Zukunft. Sie liefert die Basis dafür, dass die blühenden Landschaften von Altkanzler Helmut Kohl (CDU), einem Intimfeind von Kurt Biedenkopf, nicht wieder verwelken.

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