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Wie ein Dresdner Dynamo trotz der Krise führen will

Jürgen Wehlend übernimmt als kaufmännischer Geschäftsführer – seine Heimat, seine Aufgaben, sein Ziel. So präsentierte er sich zu seinem Amtsantritt.

Jürgen Wehlend hatte Dresden vor dem Mauerfall verlassen und war mehr als 30 Jahre in Osnabrück zu Hause. Nun übernimmt er Verantwortung bei Dynamo.
Jürgen Wehlend hatte Dresden vor dem Mauerfall verlassen und war mehr als 30 Jahre in Osnabrück zu Hause. Nun übernimmt er Verantwortung bei Dynamo. © SGD/Steffen Kuttner

Dresden. Wenn Jürgen Wehlend von der Urkraft des Vereins spricht, weiß er, wovon er redet. Schließlich ist Dynamos neuer kaufmännischer Geschäftsführer ein Dresdner, hat hier als vier Jahre alter Steppke angefangen, Fußball zu spielen. „In den Schuhen meines Bruders, in die ich erst reinwachsen musste“, wie er bei der Pressekonferenz zu seinem Amtsantritt am Montag erzählt. Claus Boden war sein Nachbar, Hansi Kreische sein Idol und so, wie die Spielweise von Dixie Dörner, würde er seinen Arbeitsstil beschreiben: „Der Verteidiger hinter der Kette, der sich gelegentlich in den Angriff einschaltet.“

Bereits Ende September 2020 war Wehlend von Dynamo als Nachfolger für den entlassenen Michael Born verpflichtet worden, allerdings stand der 55-Jährige noch bis Juni dieses Jahres beim VfL Osnabrück unter Vertrag, weshalb der Zweitligist auf einer Frist für einen geordneten Übergang bestanden hat. Dort hat Wehlend also am 31. Dezember, 18 Uhr, die Tür zur Geschäftsstelle hinter sich abgeschlossen, mit einem guten Gefühl, wie er sagt, denn seine Mission habe er erfolgreich beendet.

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Vor mehr als vier Jahren, als Wehlend schon einmal ganz oben auf Dynamos Wunschliste stand, steckte er dagegen in Verhandlungen mit Gläubigern, um den VfL vor der Insolvenz zu retten. Nun steht der Klub, bei dem er ab Januar 2013 die Geschäfte führte, wirtschaftlich solide da und spielt in der zweiten Liga derzeit eine gute Rolle. Für Wehlend endet damit Band zwei im Roman seines Lebens, dieses Bild benutzt er selbst.

Den Traum im Leitbild macht er sich zu eigen

Der erste Teil spielt in Dresden, wo er aufwächst, noch vor dem Mauerfall geht er in den Westen und schreibt 32 Jahre lang in Osnabrück seine Geschichte. Dort ist er unter anderem von 1998 bis 2008 ein Gründungsgeschäftsführer des regionalen Telekommunikationsunternehmens osnatel. Und nun, im dritten Teil, schließt sich der Kreis. „Da bin ich also, was soll ich sagen?“, meint Wehlend. „Es fühlt sich unglaublich gut an. Es ist ein wahnsinnig großer Verein, manchmal auch ein spezieller.“

Jürgen Wehlend (l.) wird als neuer kaufmännischer Geschäftsführer bei Dynamo Dresden vorgestellt. Aufsichtsratschef Jens Heinig spricht vom Beginn einer neuen Ära.
Jürgen Wehlend (l.) wird als neuer kaufmännischer Geschäftsführer bei Dynamo Dresden vorgestellt. Aufsichtsratschef Jens Heinig spricht vom Beginn einer neuen Ära. © SGD/Steffen Kuttner

Was er damit meint, sind einerseits die Erfolge der Vergangenheit, aber eben auch der Traum von der Zukunft, wie er im Leitbild steht, das der neue Herr der Zahlen zu seinem eigenen macht: „Irgendwann wieder in der Bundesliga zu spielen und sogar durch Europa zu fahren.“ Auf diesem langen Weg gebe es jedoch keine Abkürzung, einer alleine könne ihn nicht bewältigen. „Ich bin kein Allwissender, habe keinen Zauberstab und möchte auch keiner von diesen falschen Propheten sein, die es gerade in den 1990er-Jahren zuhauf gab bei Dynamo“, sagt Wehlend, der also auch mit den dunklen Kapiteln der Vereinsgeschichte vertraut ist.

Seine heimatliche Verbundenheit mit Dresden war ein Grund, ihn zu holen. „Wir sind überzeugt, dass er die Menschen, die Fans versteht“, sagt Aufsichtsratschef Jens Heinig. Was bei der Auswahl mindestens genauso wichtig war, ist die Überzeugung, einen Teamplayer gewonnen zu haben, „den wir unbedingt brauchen“, wie Heinig betont. Unter Vorgänger Born, der bis 30. Juni weiter von Dynamo bezahlt wird, war das Betriebsklima mindestens angespannt, hatten sich Mitarbeiter in einem Brief über dessen Führungsstil beschwert. Außerdem hätten „unterschiedliche Ansätze für die strategische Ausrichtung“ letztlich im Herbst zur Trennung geführt. „Der Verein ist in vielen Bereichen vorangekommen, wir sind gewachsen“, erklärt Heinig – und: „Was sich nicht mit entwickelt hat, ist die Struktur und die Organisation. Die wurden nicht auf die neue Zeit angepasst.“

Das also ist eine Schwerpunktaufgabe für Wehlend, der sich deshalb auch an seinem ersten Arbeitstag um 10 Uhr mit den Mitarbeitern getroffen hat. Kontakte und Gespräche sind ihm wichtig, wie er betont. „Niemand sollte mit dem Blick von außen glauben, dass er einen Fußballverein versteht, und einen wie Dynamo schon mal gar nicht“, erklärt er. Er wolle alle mitnehmen: die Angestellten des Vereins, die Fans, die Mitglieder, Partner und Sponsoren sowie die Politik. „Das ist es, was für mich Dynamo und Dresden ausmacht, und das Reizvolle an dieser Aufgabe.“

Stadionmiete steht auf der Tagesordnung

Kurzfristig gilt es, Konzepte zu entwickeln, um die Verluste in der Corona-Krise abzufedern. Die Lage ist ernst, wird mit jedem weiteren Geisterspiel schwieriger. „Wir können uns glücklich schätzen, dass wir in den vergangenen Jahren ein gewisses Eigenkapital aufbauen konnten, aber das ist schnell aufgebraucht“, sagt Aufsichtsratschef Heinig – und kündigt bereits ein negatives Betriebsergebnis an. „Ob wir die ganze nächste Saison unter diesen Bedingungen durchstehen würden, möchte ich schon mal in Frage stellen.“

Hinzu kommt die Problematik mit der Stadionmiete und dem zuletzt im städtischen Haushalt für 2021/22 fehlenden Zuschuss in Höhe von insgesamt drei Millionen Euro. „Das Thema ist präsent und auf der Tagesordnung“, sagt Wehlend. „Das muss schnell entschieden werden, die Lösung ist unabdingbar. Dafür brauchen wir unbedingt den Austausch.“

Es wird eine Weile dauern, bevor der Dresdner richtig ankommt in der Stadt, in der er vor gut 35 Jahren sein Abitur gemacht hat. Selbst seine 86 Jahre alte Mutter könne es noch gar nicht fassen, dass ihr verlorener Sohn wieder zu Hause ist, erzählt Wehlend. Seine Frau betreibt in Osnabrück eine Berufsfachschule im Gesundheitswesen, deshalb sei der Zeitpunkt offen, wann sie gemeinsam in Dresden heimisch werden. Das sei aber beschlossene Sache, „auch wenn ich nicht weiß, wie wir es unserer Hündin klarmachen, dass sie nicht mehr durch ihren geliebten Teutoburger Wald streifen darf“, meint er, „aber es gibt ja hier auch schöne Orte“.

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