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Zehntausende Firmen in Sachsen in Kurzarbeit

Jeder vierte Betrieb in Ostsachsen braucht Hilfe in der Corona-Krise. Warum die Arbeitsagentur sich darüber freut.

Die Gastro-Branche wird von der Corona-Krise hart getroffen.
Die Gastro-Branche wird von der Corona-Krise hart getroffen. © Uwe Zucchi/dpa

Dresden. Lieber Kurzarbeitergeld beantragen als entlassen: In den vergangenen Wochen haben 28.500 sächsische Unternehmen vorsorglich Kurzarbeit angemeldet. Allein in Dresden und den Kreisen Bautzen, Görlitz und Sächsische Schweiz/Osterzgebirge gingen im März 10.200 Anzeigen ein, sagte am Dienstag Karl-Heinz Puy, der für das Kurzarbeitergeld in drei Arbeitsagenturbezirken zuständig ist. Das sei „mehr als ein Viertel“ aller Betriebe in dieser Region.

Kurzarbeit bedeutet nicht, dass die Betriebe geschlossen sind. Die Chefs können auch Kurzarbeit nur für einen Teil der Belegschaft anmelden oder nach Absprache die Arbeitszeit verkürzen. Die Betriebe zahlen weiter Gehalt an die Beschäftigten und bekommen dann nach monatlicher Abrechnung 60 bis 67 Prozent der Nettolöhne von der Arbeitsagentur erstattet. Viele Betriebe zahlen weiterhin mehr als diesen staatlichen Zuschuss, je nach Absprache mit dem Betriebsrat oder Tarifvertrag.

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Hilfen: Lohnersatz vom Staat

In Deutschland insgesamt haben 470.000 Betriebe Kurzarbeit angemeldet. Bundesagentur-Chef Detlef Scheele sagte, vor allem Handel und Gastgewerbe hätten Anträge gestellt. Die Anzeigen kämen aber aus nahezu allen Branchen. Anders war es in der letzten großen Wirtschaftskrise 2009, als vor allem Industrie und Banken Schwierigkeiten hatten und es Abwrackprämien für Autos gab. Die Arbeitsagenturen haben zusätzliche Telefonnummern bekommen und Mitarbeiter zum Thema Kurzarbeit geschult. 

Auch Autobauer wie Volkswagen (Dresden), BMW und Porsche (Leipzig) haben Kurzarbeit angemeldet.
Auch Autobauer wie Volkswagen (Dresden), BMW und Porsche (Leipzig) haben Kurzarbeit angemeldet. © dpa

Scheele sagte, das Kurzarbeitergeld helfe Unternehmen, ihre Beschäftigten zu halten. Sachsens Arbeitsagentur-Chef Klaus-Peter Hansen hatte Sächsische.de bereits im Interview gesagt, Kurzarbeit sei ihm dreimal lieber als Kündigungen. Nach der Kurzarbeit können die Firmen sofort mit dem vorhandenen Personal weiterarbeiten. Bundesarbeitsminister Hubertus Heil (SPD) sagte, der Staat unterstütze jetzt die Bürger mit Wirtschaftshilfen, Kurzarbeit, Lohnfortzahlungen für Eltern, deren Kinder derzeit nicht in Schule oder Kita betreut werden können, und mit dem Sozialschutzpaket, unter anderem für Soloselbständige.

Für tschechische Beschäftigte, die derzeit nicht über die Grenze zur Arbeit kommen können, steht den Betrieben laut Arbeitsagentur kein Kurzarbeitergeld zu. Das Risiko, nicht zur Arbeit zu kommen, trägt nach bisheriger Regelung der Arbeitnehmer. Arbeitgeber in der Oberlausitz zeigen sich deswegen besorgt. Sie fürchten, dass manche Beschäftigten sich erst einmal krankmelden, sodass ihre Löhne in den nächsten Wochen weiterhin voll vom Betrieb bezahlt werden müssen. 

Stellenmarkt: Kaum Neueinstellungen erwartet

Die Corona-Krise trifft Sachsens Wirtschaft in einer Zeit, in der sich der Arbeitsmarkt zuletzt gut entwickelte. Mitte März zeigten die Zahlen bereits eine Frühjahrsbelebung an. Hansen gab am Dienstag die Statistik mit Stand vom 12. März bekannt. Freilich seien diese Zahlen Vergangenheit. Aber auf diesen Stand „wollen wir nach Corona wieder hin“, sagte Sachsens Arbeitsagentur-Chef.

116.570 Sachsen sind offiziell arbeitslos gemeldet, fast 7.000 weniger als vor einem Jahr. Doch die Agenturen erwarten in den nächsten Wochen kaum Neueinstellungen. Schon deshalb rechnet Hansen für April mit steigender Arbeitslosigkeit. Nun können auch kaum noch Menschen die erhofften Qualifizierungsmaßnahmen beginnen. Fast 10.000 Sachsen sind in geförderten Umschulungen, die nun wohl beendet werden, falls sich keine Online-Möglichkeiten finden.

Auch den Handel treffen die Schließungen hart.
Auch den Handel treffen die Schließungen hart. © Sebastian Schultz

Rund 37.000 freie Stellen waren den sächsischen Arbeitsagenturen Mitte März bekannt. Darunter waren gut 3.600 aus dem Gesundheits- und Sozialwesen. Ob auch die gemeldeten 4.400 Stellen in der Industrie und die über 10.000 Stellen bei Leiharbeitsfirmen weiterhin besetzt werden sollen, wird sich erst in den kommenden Monaten zeigen. Leiharbeitsfirmen haben seit diesem Jahr auch das Recht auf Kurzarbeit.

Mit neuen Lehrstellen scheinen sich Sachsens Arbeitgeber in diesem Jahr etwas zurückzuhalten. Die Agentur für Dresden meldete jedenfalls, bis Mitte März sei zwar die Zahl der Lehrstellenbewerber höher ausgefallen als vor einem Jahr, die Zahl der angebotenen Ausbildungsplätze aber gesunken. 

Aussichten: Umfragen zeigen wachsende Sorge ums Geld

Die Industrie- und Handelskammer Chemnitz hat in einer Blitzumfrage von Mitgliedsbetrieben erfahren, dass jeder vierte Betrieb infolge der Corona-Krise mehr als 50 Prozent Umsatzrückgang befürchtet. Die Umfrage war allerdings nicht repräsentativ, 155 Firmen nahmen teil. Von ihnen erwarten 85 Prozent Umsatzrückgänge durch die Corona-Krise, noch Anfang März war es knapp die Hälfte. 

Laut Hauptgeschäftsführer Hans-Joachim Wunderlich sieht sich jedes fünfte Unternehmen akut von Insolvenz bedroht. Das größte Problem sei schwindende Liquidität. „Damit spitzt sich die Krise dramatisch zu, denn aktuell erwirtschaften viele Unternehmen so gut wie keinen Umsatz”. Der Staat hat allerdings Kredite mit langer Laufzeit angeboten und für kleine Firmen auch Zuschüsse.

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