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„Wer den Klimawandel leugnet, tut mir extrem weh“

Im Forstrevier von Rüdiger Reitz dominiert jetzt Kahlschlag, wo früher grüne Wipfel in den Himmel ragten. Zur Rettung des Waldes sieht er nur eine Chance.

Seit 30 Jahren ist Rüdiger Reitz als Revierförster für über 1.300 Hektar Bautzener Stadtwald verantwortlich. Durch den fortschreitenden Klimawandel sieht er sein Lebenswerk gefährdet.
Seit 30 Jahren ist Rüdiger Reitz als Revierförster für über 1.300 Hektar Bautzener Stadtwald verantwortlich. Durch den fortschreitenden Klimawandel sieht er sein Lebenswerk gefährdet. © SZ/Uwe Soeder

Großpostwitz. Als wir uns am Beginn des vierten Tages unserer Wahltour in Bautzen auf die Räder schwingen, wandern unsere Augen immer wieder besorgt zum Himmel. Für heute ist Regen angekündigt - und das nicht zu knapp. Das gefällt uns gar nicht.

Als wir den Hügel vor Oberkaina erstrampelt haben, sehen wir in der Ferne bereits den Drohmberg - das Ziel unserer heutigen Tour. Genauer gesagt erahnen wir den Gipfel nur, denn er ist von einer dicken Wolke umhüllt. Der Anblick lässt uns unsere Meinung über das Wetter überdenken. Schließlich nützt der Niederschlag dem arg gebeutelten Wald. Der hat unter der Trockenheit der vergangenen Jahre stark gelitten. Und das ist heute unser Thema.

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Am vierten Tag der SZ-Wahltour radelten die Reporterinnen nach Großpostwitz und erkundeten zu Fuß den Wald am Drohmberg.
Am vierten Tag der SZ-Wahltour radelten die Reporterinnen nach Großpostwitz und erkundeten zu Fuß den Wald am Drohmberg. © SZ Grafik

Nach einem kurzen Schwatz mit einem privaten Waldbesitzer schließen wir die Räder in Ebendörfel am Straßenrand an und laufen das letzte Stück hinauf zum Kriegerdenkmal. Dort erwartet uns schon Rüdiger Reitz. Er ist seit 30 Jahren als Revierförster zuständig für den 1.300 Hektar großen Bautzener Stadtwald. Den Zahn, dass der kurze Schauer maßgeblich zur Erholung des Baumbestandes beitragen konnte, zieht er uns schnell. Rüdiger Reitz erklärt: "Die Niederschläge dieses Sommers sind allenfalls 50 Zentimeter tief in den Waldboden eingedrungen. Darunter herrscht bis zu einer Tiefe von zwei Metern absolute Dürre." Zwei bis drei wirklich feuchte Sommer, schätzt er, würde es brauchen, um die Wasserspeicher wieder aufzufüllen.

Kahlschlag hat den Wald komplett verändert

Die weitreichenden Folgen dieser Trockenheit sind am Drohmberg weithin sichtbar: Große Brombeer- und Farnteppiche überwuchern überall abgesägte Baumstümpfe. Wie die letzten Mohikaner ragen vereinzelte Überlebende des Kahlschlags in den Himmel. Rüdiger Reitz führt uns an solch einen Ort und erklärt, wie es dazu kommen konnte: Alles begann mit den Stürmen der Jahre 2017 und 2018. Als der Wind ging, hinterließ er große Mengen abgeknickter Bäume. "Wir konnten damals das Sturmholz gar nicht so schnell aus dem Wald holen, wie neues dazukam." Was dem Förster missfiel, war für verschiedene Borken- und Splintkäferarten ein sprichwörtlich gefundenes Fressen. In Scharen fielen sie über das Sturmholz her - und beließen es dabei nicht.

Der Borkenkäfer frisst sich nicht ins Holz, sondern befällt die Bastschicht. Die ist für den Nährstofftransport des Baumes verantwortlich. Ist der gestört, stirbt das befallene Gehölz ab.
Der Borkenkäfer frisst sich nicht ins Holz, sondern befällt die Bastschicht. Die ist für den Nährstofftransport des Baumes verantwortlich. Ist der gestört, stirbt das befallene Gehölz ab. © SZ/Uwe Soeder

In den folgenden Jahren machten sich die Käfer auch über die durch die Dürre gestressten Bäume her - und vermehrten sich exponentiell. Reitz rechnet vor: "Während die Käfer in der ersten Generation vielleicht noch 20 Bäume befallen, sind es in der zweiten bereits 500." Normalerweise endet das Borkenkäferjahr an dieser Stelle. Weil die Bedingungen für die Schädlinge durch die langen, trockenen Sommer aber geradezu ideal waren, gelang es den Käfern sogar, eine dritte Generation zu bilden. "In dieser Generation haben die Käfer 2.500 bis 3.000 Bäume geschafft", so Reitz.

Die Folgen für Bautzens Stadtwald sind auch wirtschaftlicher Natur: "Innerhalb von drei Jahren mussten wir die Menge Holz schlagen, die eigentlich für die Ernte innerhalb der nächsten zehn Jahre vorgesehen waren. Wir hätten damit konstant ein schönes Sümmchen in die Stadtkasse einfüllen können", so Reitz. Daraus wurde nichts: Der Markt war überschwemmt, das geschädigte Holz weniger wert.

Das Werk von 30 Jahren in drei Jahren zerstört

Was hat das mit Rüdiger Reitz gemacht, fragen wir erst uns und dann ihn. Der Förster schluckt, überlegt und sagt: "Seit 1981 ist das mein Revier. Kommendes Jahr gehe ich in Rente. Mein Werk geht den Bach runter." Natürlich, fährt er fort, hänge man als Förster an seinem Wald. "Da schaut man mit tränenden Augen zu."

Wir fragen Rüdiger Reitz, wie es so weit kommen konnte. "Für mich ist der Grund dafür eindeutig der Klimawandel", sagt er. "Wissenschaftlich betrachtet müssen wir vor allem den CO2-Wert herunterkriegen, um die Klimaerwärmung aufzuhalten." Aus seiner Sicht, so erzählt er uns, gehe das alles zu langsam - und deutet, wie zum Beweis, auf die Wasserdampfschwaden im Hintergrund. Die Kohlekraftwerke Boxberg und Schwarze Pumpe sind an diesem Tag trotz der vielen Wolken vom Drohmberg aus gut zu erkennen.

Bei einem Spaziergang auf dem Ringweg am Drohmberg erklärt Rüdiger Reitz den SZ-Reporterinnen Theresa Hellwig (r.) und Franziska Springer, wie die Waldrettung gelingen kann.
Bei einem Spaziergang auf dem Ringweg am Drohmberg erklärt Rüdiger Reitz den SZ-Reporterinnen Theresa Hellwig (r.) und Franziska Springer, wie die Waldrettung gelingen kann. © SZ/Uwe Soeder

Das alles sage er übrigens nicht nur aus moralischer Überzeugung sondern auch aus wirtschaftlicher Perspektive, erklärt Reitz weiter, während er mit uns über den Rundweg am Drohmberg schlendert: "Der Klimawandel wird uns massiv Geld kosten", ist er überzeugt.

Zwei Szenarien sieht er für den Wald der Zukunft. "Momentan pflanzen wir Baumarten, die besser mit der Trockenheit umgehen können - etwa Weißtannen und Douglasien", erklärt er uns. "Wenn die Temperaturen jedoch immer weiter steigen, werden auch diese Baumarten irgendwann sterben." Aber: So ein düsteres Bild wolle er jetzt eigentlich noch nicht zeichnen. Denn: "Wenn man den ganzen Tag mit diesem Szenario im Kopf herumläuft, wird man verrückt." Noch, sagt er, hätten die Menschen die Zukunft des Waldes in der Hand. Das zweite Szenario deshalb: Der Mischwald, wie er durch den gerade laufenden Waldumbau entsteht, wird überleben.

Waldrettung ist ein Generationenprojekt

Damit das gelingt, sieht er nur eine Chance: "Wir müssen alle gemeinsam aufhören, den Problemen hinterherzurennen." Stattdessen brauche man jetzt kluge und vor allem pragmatische Ideen, um den Klimawandel zu stoppen. Das sei ein Generationenprojekt. Dabei sieht Reitz auch die Politik in der Pflicht: "Klar, die Politiker können nicht mit dem Kescher in den Wald gehen und die Käfer einfangen", sagt er. Aber sie könnten dafür sorgen, dass die bürokratischen Hürden abgebaut werden, die selbst ihn als Fachmann bei der Beantragung von Fördermitteln für den Waldumbau hin und wieder fast verzweifeln lassen. Für Kleinwaldbesitzer, ist er überzeugt, seien sie kaum zu stemmen.

Und, fährt er fort, man müsse außerdem den Klimawandel endlich umfänglich anerkennen. Sich vor dem Problem zu verschließen, schade dem Wald zusätzlich: „Wer den Klimawandel leugnet, tut mir extrem weh“, sagt er. Er könne nicht nachvollziehen, warum es immer noch Menschen gebe, "die wissenschaftliche Tatsachen sehenden Auges verdrehen".

Bedrückt verabschieden wir uns von Rüdiger Reitz. Sein emotionaler Appell hat uns beeindruckt. Wieder schauen wir besorgt gen Himmel. Jetzt mit anderem Blick, wider besseren Wissens auf einen heilsamen Regenschauer hoffend. Der lässt am frühen Abend noch auf sich warten.

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