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Warum der Dynamo-Stürmer nun ein Edel-Joker ist

Fünf Spiele, kein Einsatz in der Startelf: Wie Philipp Hosiner mit der Situation umgeht und warum er beim Weg in den Kreißsaal eine Ordnungswidrigkeit beging.

Gelassen geht Philipp Hosiner mit seiner neuen Rolle um. Der 32-Jährige hat schon viel erlebt in seiner langen Karriere.
Gelassen geht Philipp Hosiner mit seiner neuen Rolle um. Der 32-Jährige hat schon viel erlebt in seiner langen Karriere. © Sven Ellger

Zum Auftakt gegen Ingolstadt stand der Pfosten im Weg, am Samstag Rostocks Schlussmann Markus Kolke: Zweimal war Philipp Hosiner knapp dran am ersten Saisontor, geklappt hat es noch nicht. Für Stürmer sind Treffer die wichtigste Währung, das ist beim Österreicher nicht anders. „Man will das erste Saisontor schnell hinter sich bringen“, sagt er. „Das ist auch mit 32 noch so, selbst wenn man sich nicht mehr ganz so viel Druck macht.“

Für sein erstes Erfolgserlebnis hatte Hosiner allerdings auch kaum Gelegenheiten, bei Dynamos bisher fünf Pflichtspielen stand er zusammen gerade mal 83 Minuten auf dem Platz. Der Angreifer, in der Aufstiegssaison mit zehn Treffern und neun Vorlagen neben Christoph Daferner gefährlichster Profi bei den Dresdnern, hat seinen Stammplatz verloren.

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Die Vermutung liegt nahe, dass dies für einen Ex-Nationalspieler, der in den höchsten Ligen von Österreich, Frankreich und Deutschland zum Einsatz kam, nur schwer zu akzeptieren ist. Doch Hosiner strahlt beim SZ-Gespräch viel Gelassenheit aus, wirkt alles andere als unzufrieden. „Ich habe schon viel erlebt im Fußball – bessere und viel schlechtere Zeiten. Derzeit habe ich nicht das Gefühl, weit weg zu sein von der Startelf – ganz im Gegenteil“, sagt er.

Trainer Alexander Schmidt hatte nach dem 3:1-Sieg in Rostock erklärt, dass sich in seiner Mannschaft keiner freue, „wenn er nicht von Beginn an spielt – auch er nicht. Aber er verbreitet keine schlechte Stimmung, sondern versucht sich im Training aufzudrängen.“ Hosiner ist erfahren genug, um seine Lage realistisch einzuschätzen. „Wir haben offensiv einen gewaltigen Konkurrenzkampf – und aktuell einen Daferner in Topform. Dann gibt es acht, neun Spieler, die sich um zwei Positionen streiten“, erklärt er. Hinzu komme die Erfolgsserie in der 2. Bundesliga wie im Pokal. „Da gibt es wenige Argumente, eine Mannschaft zu verändern.“

Ein Schaltkasten ist nicht der neue Stammplatz von Philipp Hosiner, die Ersatzbank bisher aber schon.
Ein Schaltkasten ist nicht der neue Stammplatz von Philipp Hosiner, die Ersatzbank bisher aber schon. © Sven Ellger

Damit nennt er die wichtigsten Gründe für seine Edeljoker-Rolle. Dass er in der letzten Woche der Vorbereitung wegen eines Magen-Darm-Infektes gefehlt hatte, war sicher auch nicht hilfreich. „Da war ich ein bisschen ins Stottern geraten, jetzt nehme ich aber wieder Fahrt auf“, erklärt er selbstbewusst.

Gezeigt hat er dies bereits bei seinem 30-Minuten-Einsatz in Rostock. Danach verteilte Schmidt ein Sonderlob. Er habe einen Impuls gesetzt und eine sehr gute Leistung gezeigt, erklärte der Trainer. Hosiners parierter Kopfball war zudem seine erste Torvorbereitung der Saison, weil im Nachschuss Julius Kade den 3:1-Endstand erzielte. Vom Kompliment des Trainers hatte auch der Stürmer gehört. „Als Einwechselspieler kommt es nicht allzu oft vor, dass man namentlich erwähnt wird. Das gibt mir Selbstvertrauen und Auftrieb“, sagt er.

Dass er am Sonntag gegen Paderborn sein Startelf-Debüt feiert, ist trotzdem unwahrscheinlich, Schmidt setzt in der Spitze neben Daferner auf den schnellen Ransford-Yeboah Königsdörffer, der noch am Sonntag erstmals zur deutschen U20-Auswahl reisen wird. Bei seinen Kurzeinsätzen kam Hosiner bisher überwiegend hinter den Angreifern zum Einsatz. Neu ist die Position für ihn nicht, dort hat er bereits in der vergangenen Saison und auch bei den Testspielen zuletzt ausgeholfen. Für ihn ist das offensive Mittelfeld durchaus eine Option. „Ich kann Situationen ganz gut einschätzen und habe ein Auge für die Mitspieler“, findet er.

Tempoverstoß auf dem Weg in den Kreißsaal

Grund, frustriert zu sein, gibt es ohnehin nicht. Anfang Juni wurde Hosiner zum ersten Mal Vater, seine Frau Julia brachte Sohn Aaron zur Welt. Die Geburt dauerte deutlich länger als ein Spiel – 25 Stunden. „Ich habe versucht, meine Frau so gut es geht zu unterstützen, sie abzulenken“, erzählt er. Er reichte ihr Getränke, kleine Snacks und Energie-Gels, die sonst bei den Spielen in der Halbzeitpause zum Einsatz kommen. Vor zwei Wochen zog seine Familie von Berlin nach Dresden, die Zeit der Pendelei ist damit für ihn vorbei. „Darüber bin ich sehr froh. Anfangs bin ich nahezu täglich zu ihnen gefahren“, erzählt er. Dies blieb auf dem Flensburger Punktekonto nicht folgenlos. Am Tag des Trainingsauftaktes setzten bei seiner Frau die Wehen ein, er wollte so schnell wie möglich ins Krankenhaus nach Berlin. „In einer Tempo-100-Zone bin ich ein bisschen zu schnell reingefahren. Diese Woche kam der Bescheid. Ich bin noch in Gesprächen mit der zuständigen Behörde, ob es aufgrund der Geburt meines Sohnes einen Tag später einen Nachlass gibt“, sagt er und versichert: „Ansonsten halte ich mich ganz gut an die Beschränkungen.“

Die Zeit zwischen den Einheiten und Spielen hat sich nun verändert. „Es macht irrsinnig viel Spaß, dem Kleinen zuzusehen, wie er sich entwickelt, was er lernt. Das gibt eine neue Lebensenergie, weil es einfach das Schönste ist“, meint Hosiner. Werte hätten sich für ihn seit der Geburt jedoch nicht gravierend verschoben. Und auch nichts am Verhältnis zu seinem Beruf. „Da hat sich bereits 2015 durch meine Krankheit viel verändert. Seitdem weiß ich, dass im Leben mehr zählt als nur der Job, der Fußball oder ob man Spiele gewinnt. Das geht sicher vielen Männern so, wenn sie Vater werden, bei mir war der Auslöser ein anderer.“ Vor sechs Jahren wurde bei ihm ein zwei Kilo schwerer Tumor an der Niere entdeckt und entfernt.

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Seitdem weiß er es mehr zu schätzen, Fußballprofi sein zu dürfen. Und das möchte er gerne nach dieser Saison, wenn sein Vertrag ausläuft, bleiben. Dann ist er 33. „Ich werde alles tun, um mich für eine Verlängerung zu empfehlen. Das würde natürlich leichter gehen, wenn die sportliche Leitung am Saisonende bilanziert: Er war ein wichtiger Spieler, hat seinen Teil dazu beigetragen, die Ziele zu erreichen. Auf der anderen Seite bin ich so realistisch, um zu wissen, dass dies in dem Alter keine Selbstverständlichkeit ist. Das sieht man auch am Beispiel Marco Hartmann.“ Der Ex-Kapitän bekam nach sieben Jahren und vielen Verletzungen kein neues Angebot.

„Ich würde sehr gern für Dynamo noch ein, zwei weitere Jahre spielen. An ein Karriereende denke ich auf jeden Fall noch lange nicht.“ Eher denkt er da schon an sein erstes Saisontor.

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