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Intel baut große Chipfabrik in Magdeburg - und nicht in Sachsen

Der US-Konzern Intel investiert 17 Milliarden Euro in Sachsen-Anhalt. Er gibt auch Geld nach Irland und Frankreich und bekommt dafür Subventionen. Aus Dresden kommt Lob.

Von Georg Moeritz
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Intel-Experten planen den Aufbau einer riesigen Halbleiterfabrik in Etappen. Das Foto stammt aus dem Mikrochipwerk in Hillsboro im US-Staat Oregon.
Intel-Experten planen den Aufbau einer riesigen Halbleiterfabrik in Etappen. Das Foto stammt aus dem Mikrochipwerk in Hillsboro im US-Staat Oregon. © Intel Corporation

Dresden. Der US-Mikrochipkonzern Intel hat sich für Magdeburg als Standort seiner nächsten großen Fabrik entschieden. Konzernchef Pat Gelsinger sagte am Dienstag in Kalifornien, 17 Milliarden Euro würden dort investiert. Zunächst entstehen zwei Fabrikbauten für insgesamt 3.000 Intel-Beschäftigte. Ministerpräsident Reiner Haseloff (CDU) sprach von der bisher größten Investition in Sachsen-Anhalt. Sachsen geht zwar diesmal leer aus, aber der Branchenverband Silicon Saxony in Dresden sprach von einem "grandiosen Gewinn" für die Region.

Intel will später fünf Fabrikteile folgen lassen. Magdeburgs Oberbürgermeister Lutz Trümper sagte, falls diese "Endausbaustufe" komme, werde die Region Magdeburg bis zu 40.000 zusätzliche Einwohner gewinnen. Dank der "idealen Lage" der Fabrik rechne er auch mit Beschäftigten aus Leipzig, Berlin und Hannover. Abgewanderte und Pendler würden zurückkehren, zusätzlich kämen "Menschen aus der ganzen Welt".

Bei den Genehmigungsverfahren werde sich Magdeburg "an die amerikanische Geschwindkeit anpassen", sagte Trümper. Die Bauarbeiten sollen in der ersten Hälfte des nächsten Jahres beginnen, 2027 sollen die ersten Magdeburger Mikrochips fertig werden.

Intel-Chef Gelsinger will auch die vorhandene Fabrik des Konzerns in Irland für zwölf Milliarden Euro erweitern. In Frankreich entsteht die neue europäische Forschungszentrale von Intel, mit 1.000 Hochtechnologie-Jobs in Plateau de Saclay bei Paris. Nach früheren Angaben soll das gesamte Investitionspaket einmal 12.000 Intel-Arbeitsplätze in Europa schaffen. 80 Milliarden Euro sollen für Bauten und Maschinen ausgegeben werden, davon ein großer Teil staatliche Subventionen. Auch Italien, Polen und Spanien sollen davon profitieren.

In Magdeburg gibt es ein freies Industriegebiet am Eulenberg mit rund 380 Hektar Fläche an der Autobahn 14. Laut Handelsblatt war zuletzt außer Magdeburg noch Schwerin in der engeren Wahl. Bayern hatte den ehemaligen Militärflugplatz Penzing westlich von München ins Gespräch gebracht - doch in der bayerischen Gemeinde und bei der Umweltorganisation BUND gab es große Bedenken wegen der Größe des Vorhabens und der Frage, woher so viele Arbeitskräfte und Wohnungen kommen sollten.

Ein Parkplatz, ein Bürotrakt, dahinter zwei Fabriktrakte - so zeigt Intel den ersten Entwurf für die geplante Mikrochipproduktion in Magdeburg an der A 14.
Ein Parkplatz, ein Bürotrakt, dahinter zwei Fabriktrakte - so zeigt Intel den ersten Entwurf für die geplante Mikrochipproduktion in Magdeburg an der A 14. © Visualisierung: Intel Corporation

Dresden hat schon vier Mikrochipfabriken

Sachsen-Anhalts Wirtschaftsförderung wirbt damit, dass an den Hochschulen des Landes 7.000 Studierende etwas mit Informationstechnologie lernen. Etwa 2.000 innovative Unternehmen gehörten in Sachsen-Anhalt zur Informations- und Kommunikationsbranche. Darunter ist auch der US-Computerhersteller Dell. Mikrochipfabriken gibt es in dem Bundesland allerdings noch nicht.

Vor drei Wochen hatten Magdeburger Medien berichtet, die Entscheidung für Sachsen-Anhalt seit gefallen. Sachsens Wirtschaftsministerium dagegen hatte betont, Sachsen als größter Mikrochipstandort Europas sei noch im Rennen. Das Land hatte auch auf einer Halbleitermesse in San Francisco mit seinen Standortvorteilen geworben. Allerdings war offiziell nie ein einzelner Standort genannt worden. Für das Intel-Vorhaben dürften wegen der Größe eher Flächen am Leipziger Flughafen als in Dresden ins Spiel gebracht worden sein.

In Dresden arbeiten bereits vier Mikrochipfabriken mit insgesamt gut 7.000 Beschäftigten: Globalfoundries und Infineon beschäftigen jeweils mehr als 3.000 Menschen, X-Fab rund 500. Der Bosch-Konzern hatte seine jüngste Chipfabrik voriges Jahr im Juni in Dresden eröffnet und will sie nach und nach mit 700 Beschäftigten beleben. Infineon produziert auch in Regensburg, X-Fab in Erfurt.

Er bekommt jetzt viel zu tun: Der Niederländer Frans Scheper ist im Februar im Intel-Konzern zum Präsidenten und General Manager für die Region Europa ernannt worden.
Er bekommt jetzt viel zu tun: Der Niederländer Frans Scheper ist im Februar im Intel-Konzern zum Präsidenten und General Manager für die Region Europa ernannt worden. © Intel Corporation

Brüssel und Berlin bereit für Milliarden-Subventionen

Die EU-Kommission will moderne Chipfabriken und die Forschung massiv unterstützen, zumal Asien und die USA Milliarden in die Branche stecken. EU-Kommissar Thierry Breton will Europas Anteil an der Weltproduktion von Mikrochips von neun auf 20 Prozent erhöhen, bis zum Ende des Jahrzehnts. In dieser Zeit könnte sich aber der Weltmarkt laut Prognosen verdoppeln, Europas Produktion müsste also mindestens vervierfacht werden.

Mit staatlicher Unterstützung sollen dafür 43 Milliarden Euro aufgebracht werden. Kommissar Breton besuchte im November sächsische Betriebe und sagte danach, Dresden sei ein "fantastischer Kandidat". Intel erfüllt Wünsche der EU mit seiner Ankündigung, in vielen Staaten zu investieren - und dabei die "gesamte Wertschöpfungskette" der Mikrochipproduktion zu bieten. Von Forschung bis Verpackung ist alles dabei.

Auch Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck (Grüne) will die Förderpolitik seines Vorgängers Peter Altmaier (CDU) anscheinend fortsetzen: Habeck sagte im Dezember, Deutschland und Europa müssten unabhängiger von internationalen Lieferketten werden. Autofabriken mussten zeitweise die Produktion unterbrechen, weil elektronische Bauteile fehlten.

Silicon Saxony und Autohersteller freuen sich

Stärker als Altmaier betonte Habeck, dass "innovative, energieeffiziente und klimafreundliche Technologien" nötig seien, um die Industrie in Richtung CO2-Neutralität zu bringen. Im Berliner Koalitionsvertrag steht, Deutschland solle zum globalen Standort der Halbleiterindustrie werden.

Der sächsische Branchenverband Silicon Saxony zeigte sich nicht überrascht, dass die Großinvestition an Sachsen vorbeigeht. Verbandschef Dirk Röhrborn hatte zwar im Interview mit sächsische.de die sächsischen Standortvorteile herausgestellt. Doch am Dienstag ergänzte er, die Entscheidung von Intel sei ein "grandioser Gewinn" für alle Mitglieder des Branchenverbandes.

Er sprach von einem "Städtedreieck Magdeburg, Erfurt/Jena und Dresden", in dem auch Lieferanten wie Siltronic, Zeiss und Jenoptik arbeiten. Sie profitierten von der neuen Fabrik. Die Autohersteller VW, Mercedes-Benz, BMW und Renault sowie der Siemens-Konzern äußerten sich lobend über die Pläne ihres "Partners" Intel. In Autos stecken immer mehr Mikrochips, auch für die Energieversorgung sind sie notwendig.

Investor TSMC aus Taiwan muss sich noch entscheiden

Sachsen kann sich weiterhin Hoffnungen auf eine fünfte Mikrochipfabrik machen: Der Konzern TSMC aus Taiwan will ähnlich wie Intel seine Fabriken besser auf der Welt verteilen und hat nach früheren Angaben auch Kontakte nach Dresden geknüpft. Diese Fabrik soll laut Silicon Saxony nicht so groß ausfallen wie das Intel-Vorhaben.

Das dürfte auch den vorhandenen Fabrikanten recht sein, denn sie brauchen die Fachkräfte selbst: Alleine Infineon hat derzeit 200 Arbeitsplätze in Dresden zu besetzen und hat zunächst einen Neubau in Malaysia angekündigt, auch Globalfoundries erweitert die Produktionskapazität und wirbt um Personal. Beide waren wie X-Fab am Wochenende auch auf der Berufemesse Karrierestart in Dresden mit Ständen vertreten.

Sachsen-Anhalts Arbeitgeberpräsident Marco Langhof, Geschäftsführer einer Dienstleistungsfirma in der Informationstechnologie, sieht in Dresden "einen gewaltigen Verdrängungswettbewerb". Die Konkurrenz der Betriebe um Arbeitskräfte führe nicht etwa dazu, dass es mehr davon gebe, sondern dass sie teurer würden, sagte Langhof. Etwa 100.000 Stellen in Sachsen sind frei, laut einer Hochrechnung der Kammern. Doch Silicon-Saxony-Vorstand Röhrborn sagte, die Region werde hinsichtlich internationaler Fachkräfte von der Intel-Ansiedlung profitieren

Die neue Fabrik in Magdeburg soll laut Gelsinger ausschließlich mit erneuerbaren Energien betrieben werden. Haseloff sagte, Sachsen-Anhalt sei bereits Exportland bei Strom. Dank der Windenergie schaffe es das Land, "im Jahresmittel" den eigenen Bedarf komplett zu decken. Da der Wind aber nicht immer ausreiche, seien Speicher nötig. "Die Lücken in windschwachen Zeiten müssen wir schließen", sagte der Ministerpräsident. Bei der Wasserversorgung sei eine Kreislaufwirtschaft geplant. Darauf lege Intel wert und auch die Bevölkerung. Das Unternehmen wisse, dass es für das "Willkommensein" ökologische Entscheidungen treffen müsse.