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Fast die Hälfte ist weg

Zittau ist unter die Marke von 25.000 Einwohnern gefallen. Was macht das mit der Stadt? Eine Analyse.

Zittau hat seit 1990 fast die Hälfte der Einwohner verloren.
Zittau hat seit 1990 fast die Hälfte der Einwohner verloren. © SZ-Archiv

Nun ist passiert, was seit Langem abzusehen war:  Zittau ist unter die Marke von 25.000 Einwohnern gerutscht - und eine Trendwende ist nicht abzusehen. Das bedeutet der Meilenstein des Bevölkerungsschwundes für die Stadt: 

Die Zahl und ihre Ursachen

Exakt 16.438 Menschen weniger haben Ende Juli dieses Jahres in Zittau gelebt als Ende 1990. Das geht aus den Zahlen des Statistischen Landesamtes hervor. Zur Wiedervereinigung lebten noch über 40.000 Menschen in der Stadt und ihren heutigen Ortsteilen. Danach ging es begab - wie schon zu DDR-Zeiten. Die meisten Bürger hatte Zittau mit fast 47.000 Menschen allein in der Kernstadt kurz nach dem Krieg. Die Einwohnerzahl explodierte wegen der Vertriebenen. Spätestens mit der Eröffnung des Braunkohletagebaus Olbersdorf gingen verstärkt Menschen weg. Rasant abwärts ging es dann aber mit der Wende. Massenhaft wurden die Jobs abgebaut, die Menschen zogen den Arbeitsplätzen hinterher. Mit ihnen verließ ein Großteil der künftigen Elterngeneration die Stadt - deren Kinder und Kindeskinder der Stadt fehlen. 

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Vor allem in den ersten drei der 90er Jahre war der Exodus besonders groß. Danach ging es über 20 Jahre zwar langsamer, aber weiter stetig bergab. Erst in den letzten Jahren gab es einzelne Lichtblicke und einige Male mehr Zu- als Fortzüge. Der positive Trend gipfelte in der Flüchtlingskrise 2016, als Zittau erstmals nach der Wende wieder wuchs. Doch das ist Geschichte. Für den weiteren Einwohnerschwund sind nun nicht mehr in erster Linie die Wegzüge, sondern der hohe Unterschied zwischen Geburten und Sterbefällen verantwortlich. Und da sich das ohne unvorhersehbare Ereignisse nicht ändern wird, sagt das Statistische Landesamt voraus, dass Zittau langsam weiter schrumpfen wird. Im günstigen Fall auf 22.330 Einwohner bis zum Jahr 2035. Im schlechteren auf 21.380. 

Jahr                                       Einwohnerzahl

1990                                           41.404

2000                                           32.775

2010                                           28.212

2020 (Juli)                                24.966

Quelle: Statistisches Landesamt, Gebietsstand 2020, also sowohl 1990 als auch 2020 mit den der Stadt Zittau und ihren Ortsteilen Hirschfelde, Drausendorf, Dittelsdorf, Schlegel, Wittgendof, Eichgraben, Hartau und Pethau; aktuellere Zahlen als von Juli gibt es noch nicht.

Mehr Jobs für weniger Einwohner

Groben Schätzungen zufolge gab es 1989 reichlich 30.000 Arbeitsplätze in Zittau und den Ortsteilen. Nach der Wende setzte ein dramatischer Rückgang ein. Am Tiefpunkt waren es nur noch rund 10.000. Selbst die offizielle Arbeitslosenquote erreichte Werte von über 25 Prozent. Dieser Höchststand war zwischen 2002 und 2005 erreicht

Danach wurde es Schritt für Schritt besser. Seit Mitte der 2000er Jahre steigt die Zahl der sozialversicherungspflichtigen Arbeitsplätze mit  Schwankungen wieder leicht an. Aktuell gibt es laut Statistischem Landesamt in der Stadt Zittau 11.681. Die offizielle Arbeitslosenquote lag Anfang dieses Jahres bei unter sieben Prozent. 

Zurzeit schwächelt der Arbeitsmarkt ein bisschen wegen Corona. Aber die mittelfristige Tendenz ist klar: Auf der einen Seite stehen immer weniger Einwohner beziehungsweise immer mehr Alte einer wieder steigenden Zahl von Arbeitsplätzen  gegenüber. Was für Arbeitnehmer gut ist, wird für Arbeitgeber zunehmend zum Problem. In den ersten Branchen finden sie schon keine Fachkräfte mehr. 

Und noch einen anderen Effekt gibt es: Durch die Veränderungen auf dem Arbeitsmarkt müssen Chefs für ihre Mitarbeiter tiefer in die Tasche greifen und mehr Lohn zahlen. Trotzdem verdienen die Zittauer nicht üppig. Sie leben im Landkreis Görlitz, der Billiglohn-Hochburg Deutschlands.

Mieten bleiben günstig

Auf dem Wohnungsmarkt hat der  Einwohnerschwund zu einem enormen Leerstand geführt. "Wir gehen von einer Leerstandsquote von circa 20 Prozent aus", teilte Susanne Mannschott, Chefin der Zittauer Stadtentwicklungsgesellschaft, auf SZ-Anfrage mit. "Das bedeutet, dass circa 3.800 Wohnungen in Zittau leerstehend sind." Viele schon so lange, dass sie kaum noch ohne großen Aufwand für eine Vermietung hergerichtet werden könnten. Da helfen auch die wenigen Hundert Tschechen und Polen, die Zittau als Wohnstadt für sich entdeckt haben, noch nicht.

Deshalb begleitet der Abriss von Gebäuden die Zittauer seit 30 Jahren. Historische Häuser, DDR-Wohnblocks, in der Stadt, am Rande, in den Ortsteilen  - überall fallen Häuser.  Oft, damit sie nicht unkontrolliert von allein zusammenbrechen. Und damit der Wohnungsmarkt eines Tages wieder funktioniert. 

Die andere Seite der Medaille: Mieter müssen für den Wohnraum so wenig wie sonst kaum in Deutschland bezahlen. Was wiederum den Vermietern Sorgen bereitet. 

Solange die Bevölkerung schrumpft, wird sich der Wohnungsmarkt kaum erholen - es sei denn, der Abriss wird weiter beschleunigt oder es tritt ein unvorhersehbarer Umstand ein.

Gesundheitswesen muss schrumpfen

Der Einwohnerschwund macht auch vor dem Gesundheitssystem nicht Halt. Das Klinikum Oberlausitzer Bergland mit seinen Standorten in Zittau und Ebersbach bereitet sich darauf vor, die Zahl der Betten zu reduzieren. Das wird der Freistaat sehr wahrscheinlich in absehbarer Zeit unter anderem vor dem Hintergrund des Bevölkerungsschwundes fordern.

Paradies für Lebensmittel-Käufer

Der Einwohnerverlust ist nur ein weiteres strukturelles Problem, mit dem die Einzelhändler in Zittau und anderswo zu kämpfen haben. Vor allem die Konkurrenz - erst die zusätzlichen Einkaufscenter auf der grünen Wiese, nun der Online-Handel - macht ihnen zu schaffen. Immer mehr geben auf oder finden keinen Nachfolger. Die Folge: Immer mehr Läden in der Innenstadt stehen leer. Das Zentrum wird unattraktiver.

Viel mehr Geld als bei den Einzelhändlern lassen die Zittauer bei Discountern und Supermärkten. Mehr als zehn davon gibt es in der Stadt mit nun weniger als 25.000 Einwohnern. Das ist eigentlich viel zu viel. Doch für die Zittauer garantiert das Angebotsvielfalt und günstige Preise. Und durch den Ansturm von Polen und vor allem Tschechen scheint sich das auch für die Anbieter zu rechnen. Jedenfalls ist davon, dass Discounter und Supermärkte schließen wollen, nichts zu hören. Im Gegenteil: Immer wieder wird erweitert und erneuert.

Das Geld in der Stadtkasse wird knapper

Das Durchbrechen der 25.000er Marke nach unten macht auch das Loch in der Stadtkasse größer. Zittau verliert nun auf einen Schlag eine sechsstellige Summe pro Jahr, weil Gemeinden über dieser Marke mehr Abgaben für die Nutzung ihres Gebietes für Strom-, Gas- und anderen Leitungen verlangen dürfen.  Zudem bedeutet der Einwohnerverlust auch niedrigere Einnahmen aus Steuern und staatlichen Zuwendungen. Wie hoch diese sind, will die Verwaltung nicht sagen. "Die Berechnung der Schlüsselzuweisung ist nicht allein von der Einwohnerzahl abhängig, sondern von der gesamten Bedarfsmesszahl und der Steuerkraft", teilte Rathaussprecher Kai Grebasch unter Berufung auf die amtierende Kämmerin  mit. "Von daher ist ein Vergleich der Steuereinnahmen etc. im Verhältnis mit der Einwohnerzahl der Stadt Zittau inhaltlich nicht zielführend." 

Die Verluste im Stadtsäckel bedeuten, dass die Stadt sie durch Erhöhungen anderer Einnahmen ausgleichen oder sparen muss. Zumal sie vor der Aufgabe steht, Infrastruktur wie zum Beispiel die Straßen zu erhalten, die nicht im gleichen Maße wie die Einwohnerzahl geschrumpft ist. Darin erinnert OB Thomas Zenker (Zkm) immer wieder. 

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